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Kiel-Schilksee : Kapelle auf Kuhwiese nicht erwünscht

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Die Schilkseer fordern, dass im Landschaftsschutzgebiet an der Steilküste nicht gebaut wird. Stattdessen soll das Gebäude auf dem Seekamp stehen.

shz.de von
erstellt am 29.Dez.2013 | 06:54 Uhr

Kiel | Ein echter Niemeyer soll nach Kiel. Was die Augen von Stadtoberen zum Glänzen bringt, erzürnt so manchen Schilkseer, der sich übergangen fühlt. Anfang Dezember besuchte Fernanda von Oppersdorff, Witwe des Kieler Architekten Moritz Kock die Ortsbeiratssitzung in Schilksee. Ihr Ehemann war im Juni 2009 zusammen mit 227 anderen Passagieren beim Absturz der Air-France-Maschine 447 ums Leben gekommen. Gemeinsam mit Bürgermeister Peter Todeskino stellte sie das Vorhaben der Hinterbliebenen vor, an der Schilkseer Steilküste eine Erinnerungskapelle errichten zu wollen – nach dem Modell, an dem ihr Mann und der weltberühmte Stararchitekt Oscar Niemeyer gemeinsam gearbeitet hatten. Schon damals waren die Schilkseer gespalten: Warum Schilksee, weshalb auf der Kuhwiese? waren nur einige Fragen des Abends. Der Widerstand ist seitdem gewachsen, obgleich die Schönheit des Gebäudes von den Anwohnern nicht in Frage gestellt wird, der Standort dafür umso mehr.

„Wieso soll die Kapelle im Landschaftsschutzgebiet auf unserer Kuhwiese stehen?“, fragt Dr. Jürgen Falkenhagen. Der 77-Jährige lebt bereits seit 38 Jahren im Norden der Landeshauptstadt und startete nun gemeinsam mit Gesine Stück vom SPD-Ortsverein eine Unterschriftensammlung, um den geplanten Bau zu verhindern. „Wir wollen die Leute erst einmal informieren, was geplant ist und warum“, erzählt er. So liegt jeder Unterschriftenliste ein zweiseitiges Schreiben über das Vorhaben bei und die Gründe der „Kapellengegner“. Denn viele, so Falkenhagen, fühlten sich überrumpelt und seien aufgrund der „falschen Bezeichnung auf der Tagesordnung“ gar nicht zur Sitzung gegangen. Dort stand unter Punkt 4: „Vorstellung des Projektes Erinnerungskapelle am Funkstellenweg in Kiel-Schilksee“. Falkenhagen erklärt: „Die meisten dachten, damit sei das Grundstück gemeint, auf dem die alten Gebäude der ehemaligen Funkstelle stehen, die ist nämlich direkt am Funkstellenweg aber doch nicht die mehr als hundert Meter entfernte Kuhwiese im Landschaftsschutzgebiet!“ Das schüre den Verdacht, Bürgerbeteiligung sei entgegen politischer Beteuerungen bei kritischen kommunalen Vorhaben in Kiel nicht gewünscht.

Kocks Witwe begründete die Wahl des Grundstücks mit dem Bezug zum Meer, den sich alle Angehörigen gewünscht haben, da die meisten Opfer noch immer auf dem Grund des Atlantiks liegen. Außerdem müsse das Gebäude wirken und freistehen, sagte Todeskino.

Anwohnerin Gesine Stück: „Wir können aber die inhaltliche Begründung für die Standortwahl nicht nachvollziehen: Warum soll eine Gedenkstätte für 228 Opfer aus 111 Ländern, die bei einem Flugzeugabsturz über dem Atlantik ums Leben gekommen sind, in Schilksee an der Ostsee gebaut werden?“ Es gebe schon zwei Erinnerungsorte, sagt Falkenhagen: „Und zwar dort, wo sie auch hingehören: in Rio de Janeiro mit Meerbezug und in Paris“ (Anmerk. d.Red.: Es war ein Linienflug von Rio de Janeiro nach Paris).

Falkenhagens Idee: Kocks Witwe funktionierte den Entwurf ihres Mannes um. Falkenhagen: „Naheliegend ist doch die Vermutung, Moritz Kock hat den Bau zum Gedenken an seinen verstorbenen Vater, den Bildhauer Hans Kock, geplant und dieser Plan könnte jetzt – mit erweitertem Gedenkzweck – verfolgt werden – auf Seekamp.“ Damit teilt der 77-Jährige die Auffassung einiger Schilkseer: „Wenn eine Kapelle, dann auf Seekamp“, sagen Anwohner, die nicht genannt werden wollen.

Falkenhagen teilt die Auffassung einiger Schilkseer: Wenn eine Kapelle zur Erinnerung, dann soll sie auch auf Seekamp stehen – auch zur Erinnerung an Kocks Vater. „Auf der Kuhwiese wäre das völlig zweckfrei.“ Und die Schilkseer haben noch eine andere Befürchtung: Für die Stadt stehe nicht die Zweckbestimmung als Erinnerung für die Absturzopfer im Vordergrund, sondern nur die erhofften Besucher wegen Niemeyers einzigem Sakralbau auf europäischem Grund. Dann, so Falkenhagen, wäre es nur ein Architektendenkmal.

Gegen die Kuhwiese spreche laut Falkenhagen auch folgendes: Es müssten Leitungen verlegt, Baustraßen und Parkplätze geschaffen werden, die sonst so dichte Bebauung Schilksees verliere eine wichtige Sichtachse, Kühe könnten dort nicht mehr weiden.

„Die Kapelle wird ein Fremdkörper sein, nicht wegen der sicherlich bemerkenswerten Architektur, sondern wegen ihrer Nutzlosigkeit“, sagt Falkenhagen. Aus der Stadt war wegen Urlaubs aller Beteiligten keine Stellungnahme zu bekommen. Nur so viel: Im Januar steht das Thema wieder auf der Tagesordnung, dann werden gern alle Fragen der Anwohner beantwortet.

Gesine Stück: „In Schilksee ist in letzter Zeit schon zu viel an falscher Stelle gebaut worden. Wir wollen dafür kämpfen, dass Uferlinie und Steilküste nicht weiter zugestellt werden. Wir sammeln gerade Unterschriften und werden sie zur nächsten Ortsbeiratssitzung am 15.Januar präsentieren.“ Ortsbeiratsvorsitzender Christoph Holst hat den Unmut schon vernommen: „Ich persönlich finde die Idee einer Kapelle gut, jetzt muss nur noch ein geeigneter Standort gefunden werden.“

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