20 Jahre Kieler Tafel : (K)ein Grund für Jubel

Gründungsvater Bernhard Köhler: Anfangs wurden vor allem Obdachlose (wie dieser mittlerweile verstorbene Mann) versorgt.
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Gründungsvater Bernhard Köhler: Anfangs wurden vor allem Obdachlose (wie dieser mittlerweile verstorbene Mann) versorgt.

Die Kieler Tafel war 1995 eine der ersten bundesweit. In all den Jahren hat sie eine Entwicklung von der Bürgerinitiative zur professionell organisierten Einrichtung durchlaufen.

shz.de von
13. Januar 2015, 06:40 Uhr

Weihnachten beginnt erst im Januar. Es dauert etwa bis Ostern. Zumindest im Depot der Kieler Tafel am Schwedendamm. Dort stapeln sich im Januar immer kistenweise Adventskalender, Nikoläuse, Pfeffernüsse und anderer Naschkram, der in den Lagern der Geschäfte übrig geblieben ist. „Unsere Kunden freuen sich, ist ja oft Schokolade drin“, sagt Barbara Kotte, Vorstandssprecherin der Kieler Tafel. Zurzeit verteilt sie auch jede Menge Kohlköpfe aus Dithmarschen. Im Kühlraum drängen sich Joghurt- und Milchreisbecher aneinander. Zum Jahresbeginn ist das Depot meist noch prächtig gefüllt. Gut für die rund 3800 Kunden, die sich regelmäßig in Kiel mit Lebensmitteln versorgen. Und ein Ende der Notwendigkeit, so Barbara Kotte, sei nicht abzusehen: „Bei vielen Kunden weiß man – sie werden, so lange sie können, zur Tafel kommen müssen.“ Insofern ist für sie das 20-jährige Bestehen der Kieler Tafel nur bedingt ein Grund zur Freude.

Am 7. Januar 1995 wurde der Verein Kieler Tafel geboren, hatte sieben Gründungsmitglieder. Initiator: Bernhard Köhler, damals 37 Jahre alt, der einen Zeitungsartikel über die Heilsarmee gelesen hatte. Darin wurde die schlechte Versorgung von Bedürftigen mit Lebensmitteln in Kiel angeprangert, das Tafel-Modell beschrieben. Köhler wandte sich an die Heilsarmee. Der Stein geriet ins Rollen. Mit der damaligen Bürgerinitiative hat die heutige Einrichtung kaum noch etwas zu tun.

Damals gab es kein Büro, keinen Lagerraum, keine Ausgabestelle, kein Fahrzeug. Die Mitglieder fuhren mit ihren privaten Autos zu einer Handvoll Händler, drei bis vier Mal pro Woche, und versorgten Obdachlose, Arbeitslosentreffs und andere Abnehmer. Die Zahl der Kunden und Händler stieg dann stetig.

Galten die Kieler Gründer neben Berlin und Hamburg zu den ersten Initiatoren der Tafeln, ist der Verein mit dem Umfang der Aufgaben gewaltig gewachsen, arbeitet professionell aufgestellt. Es gibt einen jährlichen Etat von mehr als 100  000 Euro – alles auf der Basis von Spenden. Auch die Kundschaft ist vielfältiger geworden. Holten sich vor einigen Jahren viele Spätaussiedler aus dem russischen Raum Brot und Kartoffeln ab, sind es heutzutage oft Familien aus neuen EU-Ländern. 20 Roma-Familien sind bei der Kieler Tafel gemeldet. Barbara Kotte erklärt: „Jeder, der bedürftig ist und das nachweisen kann, kann zur Tafel kommen.“

Am Donnerstag, 15. Januar, erwartet die Tafel rund 300 Gäste im Terminal der Stena Line. „Das Fest“, beteuert Kotte, „wurde durch Sponsoren ermöglicht – und nicht von Spenden bezahlt“. Es sei eine Gelegenheit, denen zu danken, die die Arbeit mit Zeit und Kraft, Lebensmitteln, Sach- und Geldspenden ermöglicht haben. Auch Tafel-Kunden sind unter den Gästen.

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