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Prozess : Juwelier schildert Misshandlungen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Angeklagte dreht den Spieß um und schiebt seinem flüchtigen Komplizen die Gewalttaten in die Schuhe. Das Opfer ist traumatisiert.

Zwei maskierte Männer betreten das Juweliergeschäft. Zielstrebig laufen sie in den hinteren Teil. Dann kommt einer wieder nach vorn, klappt die Ladentür etwas zu und beginnt, den Schmuck in eine Plastiktüte zu räumen. Kurze Zeit später packt auch der zweite noch etwas ein, dann fliehen beide. Die Aufnahmen der Überwachungskamera zeigen: Die Tat dauert keine fünf Minuten. Doch es reichte, um das bisherige Leben des Juweliers Turan Koç (53) zu zerstören. Denn die Grausamkeiten, die die Kamera nicht zeigt, schilderte Turan Koç gestern als Zeuge vor dem Kieler Landgericht.

Es war der 27. April 2013. Turan Koç war gerade dabei, sich einen Tee zu kochen. „Da war plötzlich eine komische Stille“, sagt er. Doch schon als er sich umdreht, sieht er einen Pistolengriff direkt auf seinen Kopf zukommen. „Da hab’ ich gecheckt, dass es ein Überfall ist.“ Koç hebt seine Arme, versucht sie schützend vor sein Gesicht zu halten. Doch der Täter hört nicht auf. Zwei, drei Minuten, erzählt Koç, sei das so gegangen. „Was willst du von mir?“, hat Turan Koç den Täter gefragt. „Bleib’ hier, sonst ich schieße“, war dessen Antwort. Koç lag mittlerweile auf dem Boden, spürte die Pistolenmündung noch im Nacken, dann ging der Täter zu seinem Kompagnon. „Erst, als ich nichts mehr gehört hab’, bin ich rausgekommen“, erzählt Koç . Er habe gedacht, er müsse sterben.

Mit 30 Stichen hat ein Arzt später die vielen Platzwunden an seinem Kopf genäht, an Händen und Armen waren unzählige Hämatome. Von den schweren Verletzungen zeugen neben den Narben am Opfer nur die Fotos der Rechtsmedizin – und die Bilder, die Turan Koç immer wieder vor seinem inneren Auge sieht. „Jedes Mal, wenn ich darüber rede, kommt alles wieder hoch.“ Der Geschäftsmann und Familienvater ist seit der Tat in therapeutischer Behandlung. Kraft, sein Geschäft wieder zu eröffnen, hat er nicht, sagt er. Er will verkaufen. Auch Einladungen könne der sonst so engagierte Mensch noch nicht annehmen, weil er keine Kraft habe, darüber zu reden.

Dass der Angeklagte Elmir N. (25) in seiner Erklärung gestern vor Gericht angibt, gar keine richtige Waffe, sondern nur eine Scheinwaffe in Form eines Feuerzeugs dabei gehabt zu haben, macht ihn wütend. „Wer so ein Geschäft überfällt und Beute machen will, nimmt doch kein Spielzeug mit.“ Der Albaner Elmir N. muss sich wegen besonders schweren Raubes vor Gericht verantworten (wir berichteten). Er wird angeklagt, Koç so brutal misshandelt und gemeinsam mit seinem Komplizen den angesehenen Gaardener Juwelier ausgeraubt zu haben. Beute: rund 50 000 Euro. In seiner gestrigen Erklärung schildert der Angeklagte, dass er Schulden in Höhe von rund 10 000 Euro bei zwei Personen hatte, vor denen er sich fürchtete. Er habe Arbeit finden wollen, was misslang. Deswegen sei es ihm immer schlechter gegangen, er habe Kokain und Alkohol zu sich genommen. Auch in der Nacht vor der Tat.

Wer genau den Plan zum Überfall auf das Geschäft hatte, daran könne er sich nicht mehr erinnern. In seiner Erklärung dreht Elmir N. den Spieß um und schreibt die Gewalttaten seinem noch flüchtigen Landsmann zu: Er habe die Waffe zwar am Anfang gehabt, sie dann aber weggelegt und den Inhaber nur von hinten geschnappt. Sein Komplize habe die Schläge verteilt, er den Schmuck eingeräumt. Als er sah, wie sich Menschen von außen näherten, einer davon mit Eisenstange, sei er geflüchtet und habe die Beute im Kofferraum des in der Nähe geparkten Autos versteckt. „Dann bin ich nur noch gerannt, ich rannte immer weiter.“ Basecap und Sonnenbrille – die Tatmaskierung – warf er weg. Als ihm klar wurde, dass die Polizei über den Autobesitzer an seine Personalien kommen würde, floh er von Hamburg aus nach Griechenland zu seiner Familie, wo ihn die örtlichen Behörden im Sommer schnappten und an Deutschland übergaben.

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erstellt am 18.Jan.2014 | 06:47 Uhr

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