Fall im Kieler Sophienhof : Junge Mama beim Stillen im Einkaufszentrum abgewiesen – Debatte läuft

Eine Petition für einen gesetzlichen Schutz des Stillens in der Öffentlichkeit blieb erfolglos.

Eine Petition für einen gesetzlichen Schutz des Stillens in der Öffentlichkeit blieb erfolglos.

Eine Mama wird beim Stillen in einem Café weggeschickt. Die Empörung ist groß – und der Sophienhof entschuldigt sich.

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12. April 2018, 12:49 Uhr

Kiel | Ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes im Kieler Einkaufszentrum Sophienhof hat eine junge Mutter beim Stillen ihrer kleinen Tochter aus einem Café verwiesen, Begründung: „Das ist hier nicht gestattet.“ Über den Fall berichteten die „Kieler Nachrichten“ – und eine Debatte über das Stillen in der Öffentlichkeit setzte ein.

 

Zum Stillen bei ihrem Einkaufsbummel im Sophienhof kam Claudia Lass nach der Wegweisung nur, weil eine Verkäuferin in einer Confiserie ein Herz zeigte, und Claudia Lass in ihrem Geschäft gewähren ließ. Für die dreifache Mutter ist es, „das Normalste der Welt, sein Kind zu füttern“. Doch gegenüber den „Kieler Nachrichten“ berichtet Lass von Diskriminierung, Pöbeleien und abfälligen Gesten, die ihr widerfahren, wenn sie in der Öffentlichkeit ihre Brüste auspackt. „Passanten zeigen mir den Vogel, sagen, das ist abstoßend – vor allem Ältere und Frauen“, sagt Lass. Sie versuche immer schon, stille und unbeobachtete Ecken aufzusuchen, doch das reiche meist nicht aus.

Wer will sein Kind neben einer Toilette stillen?

Laut einer Studie im Auftrag des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) sind explizit negative Reaktionen auf öffentliches Stillen zwar eher selten. Allerdings stand jeder vierte Befragte dem Stillen im öffentlichen Raum zwiespältig oder ablehnend gegenüber. Für jede Zehnte der befragten Mütter, die bereits abgestillt hatten, sei die ablehnende Haltung in der Öffentlichkeit ein Grund für das Abstillen gewesen, hieß es.

Auf den Kieler Fall reagierte das Management des Sophienhofs zunächst verdattert: „Wir halten es für selbstverständlich, Müttern in dieser Situation zu helfen“, zitierten die „Kieler Nachrichten“ Center-Manager Karsten Bärschneider. Er verwies auf einen Wickelraum bei den Kundentoiletten im Erdgeschoss, wo es auch einen Wickeltisch samt Stillsessel gebe. 

Für Claudia Lass rauschte eine Welle der Solidarität heran. Bei Facebook wurden junge Mütter ermutigt, sich nicht abschieben zu lassen. Auch die Wickelräume mit Stillsessel stießen auf Ablehung. Sie seien häufig kaputt oder besetzt. Es kam auch die Frage auf, wer sein Kind unbedingt neben einer Toilette stillen wollte?

„Dass Stillen in der Öffentlichkeit überhaupt noch diskutiert wird, ist eigentlich unglaublich. Ein völlig natürlicher Vorgang, von dem doch niemand gestört wird", schrieb die Landeschefin der Grünen, Ann-Kathrin Tranziska.

Auch von Seiten der SPD schalteten sich junge Politiker ein: „Dass von Seiten einiger Café-Inhaber oder Sicherheitspersonal mit Unverständnis und Ablehnung reagiert wird, wenn eine Frau ihr Kind füttern muss, können wir nicht nachvollziehen. Hier geht es doch um das Grundbedürfnis eines kleinen Menschen und um seine Gesundheit“, schrieben Annika Schütt, Anna-Lena Walczak, Jannick Schultz, Moritz Koitka und Benjamin Raschke in einer Mitteilung.

Der Sophienhof merkte, bei der Wegweisung der jungen Mutter möglicherweise einen Fehler gemacht zu haben. Es folgte eine Entschuldigung.


Claudia Lass ist mit ihrem Problem nicht alleine. Auch bei einem Fall in Berlin, der im Februar 2016 Schlagzeilen machte, geriet eine junge Mutter mit einem Café-Besitzer aneinander und startete daraufhin eine Petition für einen gesetzlichen Schutz des Stillens in der Öffentlichkeit. Das Thema wurde zwar breit diskutiert, ihre Forderung blieb am Ende aber folgenlos.

Die Nationale Stillkommission, die ihren Sitz am BfR hat, will Frauen darin bestärken, in der Öffentlichkeit zu stillen. In einer Stellungnahme spricht sie sich für einen klaren Appell an die Bevölkerung und an Mütter aus: Stillen sei gesund, könne nicht warten – egal unter welchen Umständen. Fotos von stillenden Promis sind womöglich ein Schritt in die richtige Richtung. Sie könnten eine breite Vorbildfunktion haben, glaubt Expertin Aleyd von Gartzen.

Die leidvolle Erfahrung, dass auch ein Still-Foto, auf dem zu viel Brust zu sehen ist, einen kleinen Shitstorm nach sich ziehen kann, machte zuletzt Janni Höhenscheid.

„Warum macht man ein Foto für Instagram, wie das Baby an der Brust einschläft?“, „schön, aber so was muss man doch nicht bei Insta veröffentlichen“, oder „ich habe nichts gegen's Stillen, auch nicht in der Öffentlichkeit. Aber gegen Fotos davon!“, lauten die Meinungen einiger Follower. Genauso aber unterstützen Höhenscheid auch einige Kommentare: „Schade, dass das Stillen für einige immer noch was Unnatürliches ist.“ „Es gibt nichts Natürlicheres als eine liebende Mummy, die ihr Kind stillt!“ Und: „Wenn ich das so sehe, vermisse ich richtig meine Stillzeit.“

Claudia Lass hätte wohl kein Foto von sich beim Stillen auf Instagram gepostet. Und trotzdem ist ihre große Ablehnung widerfahren. Sie wünscht sich für die Zukunft etwas mehr Respekt beim Stillen und bessere räumliche Angebote.

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