Angriff in Kiel : Junge Frau rettete dem Messer-Opfer das Leben

Ein junger, unter Verfolgungswahn leidender Mann attackierte ohne Vorwarnung einen anderen mit dem Messer. Das Landgericht verhängte die Dauer-Einweisung in die Psychiatrie.

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13. Juli 2015, 18:32 Uhr

Es war eine hässliche Szene, als der Afghane Abdollah M. (27) Anfang Februar im Erdgeschoss des Kieler Einkaufszentrums Sophienhof ohne jede Vorwarnung auf einen Landsmann eindrosch. Schreie ließen auch die junge Deutsch-Türkin Defne Akbayir (21) aufschrecken, die mit einer Freundin zum Schaufensterbummel unterwegs war. Obwohl Dutzende Menschen die Attacke vor einem Bäckereistand hautnah miterlebten – darunter auch kräftige Männer –, war sie es schließlich, die dem Täter in den Arm fiel.

Erst in diesem Moment bemerkte sie, dass der Angreifer keine Faustschläge verteilte, sondern ein blutiges Messer in der Hand hielt. M. leistete keinen Widerstand, er ließ das Messer fallen und flüchtete. Die Polizei griff ihn wenig später am Exer auf. Die Stichverletzungen waren glücklicherweise (noch) nicht lebensbedrohlich, das Opfer konnte das Krankenhaus bereits nach einigen Tagen wieder verlassen.

Der Täter sitzt seit der blutigen Attacke in der geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Die Mediziner diagnostizierten bei ihm eine schwere paranoide Psychose. Beim Sicherungsverfahren vor dem Landgericht wegen versuchten Totschlags im Zustand der Schuldunfähigkeit ging es um die Frage einer dauerhaften Einweisung.

Aktenkundig ist, dass der Afghane bereits vor einem Jahr auffällig wurde, als er ausgerechnet im Polizeizentrum am Eichhof nach einer Moschee suchte und an vielen Türen rüttelte. Als die Beamten ihn zur Rede stellten, stieß er wüste Beschimpfungen aus und schreckte auch vor körperlichen Attacken nicht zurück.

Der Verfolgungswahn steigerte sich in den folgenden Monaten. M. war offenbar überzeugt, dass der Zahnarzt ihm heimlich einen Peilsender eingesetzt hatte und sein privates Telefon als Mikrofon benutzt wurde: „Meine Bekannten haben überall meine Stimme gehört.“ Und seinem Landsmann, mit dem er seinerzeit in der Lübecker Asylunterkunft gemeinsam gewohnt hatte, warf er vor, „schlimme Dinge“ über seine Familie verbreitet zu haben. Das spätere Opfer soll die Mutter von M. beleidigt haben und ihn selbst als „Kinderschänder“ an den Pranger gestellt haben. All das entbehrte offenbar jeder Realität und war Bestandteil der psychotischen Erkrankung. Über die Ursache des Verfolgungswahns lässt sich nur spekulieren. Gut möglich, dass die Umstände der abenteuerlichen Flucht über den Iran nach Europa dazu beigetragen haben.

Tatsache ist jedenfalls: Als M. Anfang des Jahres zufällig seinem Landsmann begegnete, brannten bei ihm die Sicherungen durch. Hätte die Studentin Defne nicht so beherzt eingegriffen, hätte die Attacke für das Opfer ganz übel ausgehen können. Möglicherweise hat Defne ihm das Leben gerettet. Richter Jörg Brommann lobte ausdrücklich das Verhalten der jungen Frau: „Vielen Dank. Sie haben sehr couragiert gehandelt.“

Der Richter ordnete nach der Anhörung von Zeugen und Gutachtern die dauerhafte Einweisung in die psychiatrische Anstalt an.

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