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Männer und Frauen ungleich behandelt : Jung und verfügbar: Sexismus-Vorwurf bei Miss-Kiel-Wahl

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bewerberinnen müssen höchstens 28 Jahre alt, ledig und kinderlos sein – bei Männern sind die Regeln lockerer.

shz.de von
erstellt am 20.Aug.2015 | 20:01 Uhr

Kiel | Weiblich, ledig, jung... gesucht: Am 5. September steigt nach jahrelanger Pause erstmals wieder eine Miss-Wahl in der Landeshauptstadt. Die Agentur Miss Germany Corporation aus dem niedersächsischen Oldenburg will im Einkaufszentrum Sophienhof die Miss und den Mister Kiel 2015 live küren. Bewerberinnen und Bewerber müssen knallharte Bedingungen erfüllen. Erstaunlich: Für Männer und Frauen gelten nicht dieselben Kriterien.

Auf Nachfrage rechtfertigt die Agentur ihre Spielregeln als international gängig – seit Jahrzehnten. Auch das Sophienhof-Management gibt sich gelassen. Die Kieler Gleichstellungsbeauftragte allerdings bringt diese „sexistische Veranstaltung“ auf die Zinne.

Es fängt schon beim Alter an. „Bewerben können sich alle Frauen zwischen 16 und 28 Jahren“, teilt der Sophienhof mit. Doch „die männlichen Bewerber dürfen zwischen 16 und 39 Jahren alt sein“. Für die Frauen gilt zudem, „dass die Bewerberin ledig ist, keine Kinder hat, die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt und keine Nacktaufnahmen von ihr veröffentlicht wurden“, schreibt der Sophienhof. Männliche Interessenten hingegen können verheiratet sein und auch Kinder haben. Für sie gilt lediglich, dass sie ebenfalls deutsche Staatsbürger sind und keine Aktaufnahmen von ihnen kursieren.

Wer in dieses Schema passt, der darf sich online bei der Agentur oder direkt im Center Management des Sophienhofs melden. In drei Durchgängen werden sich die Miss- und Mister-Anwärter den Zuschauern auf einer großen Bühne präsentieren – wie bei einer Castingshow. Wer, ausgewählt von einer „qualifizierten Jury“ , gewinnt, kann automatisch an der Wahl zu Miss/Mister Schleswig-Holstein teilnehmen – „und könnte die/der nächste Miss/Mister Germany sein“, lockt Center-Managerin Sophie Dukat. Es winken „attraktive Preise, wie zum Beispiel Gutscheine im Gesamtwert von 450 Euro und tolle Sachpreise“. So wirbt die Managerin um möglichst viele Bewerber – männliche wie weibliche.

Kiels Gleichstellungsbeauftragte Helga Rausch protestiert. „Ich bedauere außerordentlich, dass der Sophienhof sich an den Miss- und Misterwahlen der Miss Germany Corporation beteiligt. Nach den Kriterien der Veranstalter müssen Frauen offenbar jung und verfügbar – nicht durch Ehe und Mutterschaft gebunden – sein, um als schön zu gelten. Für männliche Attraktivität gelten solche Maßstäbe hingegen nicht“, gibt sie in einer Stellungnahme bekannt. Kiel sei eine vielfältige und bunte Stadt. Junge Frauen und Männer in Kiel sollten nicht geprägt von „derart überkommen Geschlechterstereotypen und Schönheitsidealen aufwachsen müssen“, kritisiert Helga Rausch – und fordert den Sophienhof auf, „seine Räumlichkeiten nicht als Austragungsort für diese sexistische Veranstaltung zur Verfügung zu stellen“.

Von mangelnder Gleichberechtigung will Managerin Dukat aber nichts wissen: „Ich teile diese Einschätzung nicht. Ich sehe das sportlich und nicht problematisch.“ Eine Miss-Wahl sei nun mal ein Format mit eigenen Regeln, der Sophienhof sei der Austragungsort. Dukat verweist zudem an die ausführende Agentur: „Das sind deren offizielle Vorgaben und Rahmenbedingungen, und das ist in Ordnung so.“

Die amtierende Miss Kiel 2014, Franziska Fey, findet die unterschiedlichen Teilnahmebedingungen ebenfalls „total in Ordnung“. Regeln müssten schließlich sein. „Ich kann nur Positives von den Miss Germany Corporation Wahlen berichten“, teilt die junge Frau auf Anfrage mit.

Auch die Oldenburger Agentur selbst verteidigt ihre Konditionen. „Das Problem ist – Männer sind nach unserer Erfahrung bei der Teilnahme älter“, sagt Senior Direktor Horst Klemmer. Die Mädchen hingegen seien größtenteils zwischen 18 und 22 Jahren: „Über 25 finden Sie kaum noch Frauen“, beteuert Klemmer. Er verweist auf den „Miss“-Begriff, der ja für das Wort Fräulein stehe: das bedeute doch ledig und kinderlos. „Die jungen Mädchen wollen mit Fräulein angesprochen werden“, glaubt der 78-Jährige. Aus diesem Grund lacht sich die Agentur mit einem Kniff auch ältere Frauen an: Als Ehefrau und Mutter oder mit einem Alter über 28 Jahren können diese Damen sich bei „Misses“-Wahlen bewerben. Für reife Frauen steht die Miss 50plus-Kategorie offen. Und die seien immer selbstbewusster geworden, meint er. Männer könne man leider so nicht einteilen, gibt der Miss-Macher zu bedenken.

Auch die Historie der Miss-Wahlen in Deutschland gebe die Konditionen vor: Mit dem Start dieser Schönheits-Wettbewerbe im Jahr 1927 habe man die Bedingungen aus Amerika übernommen. Nur auf diese Weise, so Klemmers Argument, könne man eine Miss Germany auch beispielsweise an einer Miss-World-Wahl teilnehmen lassen. Diese Teilnahmemöglichkeit allerdings, räumt er ein, gibt es seit einiger Zeit nicht mehr – zu hohe Lizenzgebühren. Doch auch der Weg zu anderen internationalen Wahlen sei ohne Erfüllung der Kriterien verbaut. Die Miss Tourism International gebe es etwa noch. Klemmer gibt allerdings zu, „dass Gleichberechtigung schwer ist“. Und was eine Anpassung der Regeln angeht: „Sicherlich kann man darüber mal nachdenken.“

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