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Jüdische Gemeinde : Juden wollen Stadtteilzentrum gründen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach zehn Jahren möchte die Jüdische Gemeinde Kiel endlich eine feste Bleibe – offen für alle Menschen und Religionen. Es soll ein Stadtteilzentrum sein, in dem jüdische Traditionen gelebt werden können und erlebbar sind, wo Menschen vor Ort geholfen wird.

shz.de von
erstellt am 03.Mai.2014 | 05:43 Uhr

Die Jüdische Gemeinde Kiel feiert aktuell in der Jahnstraße ihr zehnjähriges Jubiläum: Am 18. April 2004 gründete Liad Inbar die Gemeinde mit 18 Jüdinnen und Juden aus Kiel und Umgebung. Inbar selbst stammt aus Tel Aviv, sein Großvater war schon Mitglied in der Jüdischen Gemeinde Kiel vor dem Holocaust. Seit Mai 2004 ist die Gemeinde im Jüdischen Landesverband Schleswig-Holstein und auch im Zentralrat der Juden in Deutschland sowie in der World Union for Progressive Judaism in Jerusalem. Betreut wird die Gemeinde wie die vier anderen liberal-jüdischen Gemeinden Ahrensburg, Elmshorn, Pinneberg und Segeberg von Schleswig-Holsteins Landesrabbiner Walter Rothschild.

Die Kieler Gemeinde ist schnell von 18 Gründungsmitgliedern auf nun mehr als 160 angewachsen. Das freut Joshua Pannbacker, den ersten Vorsitzenden der Gemeinde. Nur mit dem erfreulichen Zuwachs kommt auch das Platzproblem: Nicht genügend Abstellräume für Requisiten der aktiven Gruppen wie Theater, Chor und Kinderkurse, ein viel zu kleines Büro. Und die notwendige Doppel- oder Mehrfachnutzung der Räume sorgt für zusätzlichen Organisationsaufwand. Pannbacker: „Wenn wir hier im Betraum die Seniorengruppe oder Deutschunterricht haben, kann ich nicht gleichzeitig eine Schulklasse unterrichten.“

Vier Mal ist die Jüdische Gemeinde Kiel mittlerweile umgezogen – zuletzt 2008 in die Jahnstraße, unweit der Synagoge am Schrevenpark, die in der Pogromnacht von den Nationalsozialisten zerstört wurde. Hier nutzt sie eine Wohnung und einen selbst ausgebauten Keller. Pannbacker und seine Gemeindemitglieder sind genügsam, freuen sich, dass ihr vielfältiges Freizeitprogramm so gut angenommen wird, die jüdischen Traditionen wieder in Kiel gepflegt werden können. Pannbacker: „Bald feiern zwei Jungs hier ihre Barmizwa und das Tolle: Sie haben ihre komplette religiöse Ausbildung hier erhalten.“

Einen sehnlichen Wunsch haben die liberalen Juden allerdings: „Wir wollen endlich eine Bleibe haben, in der wir unseren Traum, vom jüdischen Gemeindezentrum, das offen für alle Menschen ist, verwirklichen können“, sagt Pannbacker. Schon Susanne Gaschke sei zu ihren Oberbürgermeisterzeiten Feuer und Flamme gewesen, als die Gemeinde im Herbst 2012 ihr Konzept der Stadt vorstellte. Damals im Gespräch: das alte Gebäude der ehemaligen Volkshochschule in der Waisenhofstraße. Pannbacker: „ Es wäre wirklich perfekt. Wir hätten Platz für all unsere Angebote von unserer musikalischen Kinderfrüherziehung übers Jugendzentrum, Theater- und Chorgruppe bis hin zur Tagespflege für Ältere.“ In der Waisenhofstraße wäre genug Platz. Doch jetzt, fast zwei Jahre später, gibt es immer noch keine endgültige Zusage der Stadt. Der Grund laut Stadt: Die orthodoxe Gemeinde in der Wikingerstraße hat viele alte Mitglieder und möchte sich deshalb räumlich auch verändern. Da beide gleichbehandelt werden sollen, kam es zu einem ersten Vermittlungsgespräch mit dem Stadtpräsidenten, ob sich die Orthodoxen nicht ein gemeinsames Zentrum mit den Liberalen vorstellen könnten, teilte Gerwin Stöcken mit, der unter Gaschke zuständig war. Nur nebenbei: Die orthodoxe Gemeinde bekam das alte Volksbad von der Stadt, saniert nach ihren Vorstellungen. Die liberale Gemeinde stemmte in der Jahnstraße alles aus Eigenmitteln und Spenden, verzichtete sogar auf das Lessingbad, als klar war, das die Stadt daraus eine Sporthalle machen will. Stöcken: „Sie müssen jetzt schauen, ob ihre Gemeinsamkeiten genügen.“ Bis Mitte Mai haben sie sich Bedenkzeit erbeten. Aber unabhängig davon, ob beide Gemeinden trotz unterschiedlicher Ausrichtung zusammenarbeiten wollen, sagt Stöcken: „Wir werden sie weiterhin unterstützen. Es ist großartiges, dass wieder jüdisches Leben in Kiel ist.“ Ob das Zentrum in der Waisenhofstraße auch nur von den Liberalen zu finanzieren wäre, daran zweifelt man derzeit im Rathaus. Pannbacker ist optimistisch: „Wir haben vier Mal in Schleswig-Holstein bewiesen, dass wir es aus eigener Kraft schaffen: In Segeberg, Ahrensburg, Pinneberg und Elmshorn. Warum also nicht auch in der Landeshauptstadt?“. Viele haben laut Pannbacker ihre Unterstützung zugesagt, wollen teils sogar mit in das Gebäude: Landesverband der Juden, das jüdische Kultur- und Förderzentrum, das jüdische Bildungs-, Kultur- und Sozialwerk Schleswig-Holstein, ein Altenpflegedienst für die Realisierung der geplanten Alten-WG und der Tagespflege und die Arbeitsgemeinschaft Kieler Auslandsverbände. Pannbackers Idee: „Wir wollen das Gebäude der Öffentlichkeit zugänglich machen. Wir wollen ein Stadtteilzentrum für alle sein, in dem jüdische Traditionen gelebt werden und erlebbar sind.“ So könnten neben der „Kulturpalette“ auch andere Gruppen und Vereine auf der Bühne spielen, genug Platz für Ausstellungen gebe es auch. Fehlt nur noch das Okay der Stadt.

Veranstaltungen: Die Jüdische Gemeinde lädt zum Morgengebet mit Landesrabbiner Walter Rothschild am 8.Mai um 9 Uhr ein. Am Abend zuvor (7. Mai, 18 Uhr) spricht der Landesrabbiner zum Thema „Vergessen verlängert das Exil, Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung“ in der Jahnstraße 3.


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