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Kieler Einrichtung : Jessicas Neustart im Mädchenhaus

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Auszubildende hatte Probleme mit der Familie und ihrem Ex-Freund. Dann kam sie in der Kieler Zufluchtstätte unter. Ein Neuanfang, aber auch ein Tiefpunkt.

shz.de von
erstellt am 22.10.2014 | 20:30 Uhr

Sie will etwas im Leben erreichen, sagt Jessica. Sie ist jung, 20 Jahre alt, sie hat Ziele. Ihre Ausbildung in Kiel abschließen, etwa. Doch ihr Freund, drei Jahre älter, hat ein Problem damit. Sie vermutet, er kann es nicht ertragen, dass sie mehr erreicht als er. Er macht Jessica das Leben zur Hölle. Ihr einziger Ausweg, das erkennt Jessica im letzten Moment, ist die Kieler Zufluchtstätte für Mädchen und junge Frauen.

Jessica heißt eigentlich anders, aber sie möchte lieber anonym bleiben. Sie sitzt auf einem Sofa in der Beratungsstelle des Autonomen Mädchenhauses, zu dem die Zufluchtstätte gehört. Heller Strickpullover, schwarzer Schal, Jeans, offener Blick. Manchmal spielt sie mit ihren langen blonden Haaren, die sie zum Zopf gebunden hat. Vielleicht noch ein Rest des Mädchens, das Jessica nach einigen Monaten im Mädchenhaus eigentlich hinter sich gelassen hat. Jessica ist reifer geworden. Sie hat mehr Selbstvertrauen gewonnen. Und sie hat ihre Unbeschwertheit wiedergefunden. Wenn sie von ihrer „harten Zeit“ erzählt, die vor gut einem Jahr begann, dann fallen Ausdrücke wie „Ärger mit der Familie“ und „Stress mit dem Freund“, aber das alles wie nebenbei. Schnell geht Jessica zum nächsten Thema über. Als hätte sie die „harte Zeit“ für sich selbst bereits abgehakt.

Was also war damals los? Jessica kam mit ihren Eltern nicht mehr zurecht, brach mit ihrer Familie. Also zog sie zu ihrem Freund. Sie waren zwei Jahre lang ein Paar. „Viele Mädchen machen das so“, sagt Sozialpädagogin Michaela Peschel vom Kieler Mädchenhaus. Oft gehe das aber viel zu schnell, viel zu früh. So wie bei Jessica. „Zuerst lief es gut mit ihm, aber dann hatten wir immer häufiger Streit“, erzählt die Kielerin. „Er wollte, dass ich meine Ausbildung schmeiße, wollte mir alles kaputt machen“, sagt Jessica. Sie trennten sich, das war im August 2013. Doch so schnell fand die 19-Jährige keine eigene Wohnung.

Nachdem sie ihr Facebook-Konto gelöscht hatte, begann er sie zu kontrollieren. Nach Feierabend fing er sie in der Stadt ab, wollte wissen, was sie nun mache, wo sie dann sei. Ihr Ex-Freund habe große Aggressionsprobleme gehabt, berichtet Jessica: Er habe sie angeschrien, Tische zerstört. „Er war kurz davor, die Hand gegen mich einzusetzen.“ Irgendwann ging es ihr psychisch so schlecht, dass sie Bauchschmerzen bekam. Dass sie den Appetit und Gewicht verlor. Zu nichts mehr Lust hatte. „Ich wollte nur noch meine Ruhe haben, war kurz davor, aufzugeben und die Ausbildung abzubrechen“, erzählt Jessica mit verschränkten Armen. Eine besorgte Freundin riet ihr dazu, in die Beratungsstelle des Mädchenhauses zu gehen.

Das war Ende letzten Jahres. Drei Beratungstermine später machte Jessica Schluss mit ihrem alten Leben: Sie zog aus der gemeinsamen Wohnung mit ihrem damaligen Freund aus. Doch der machte Ärger: „Mein Ex ist total ausgerastet.“ Da rief Jessica im Mädchenhaus an, kam Mitte Dezember in der Zufluchtstätte unter. Ein Neuanfang, aber auch ein Tiefpunkt. Es ging ihr schlecht. Jessica kannte keines der anderen Mädchen. Sieben Plätze gibt es dort. Erst hatte sie vor, sich zurückzuziehen. Aber dann freundete sich die Kielerin doch mit den anderen Mädchen an: „Ich wurde mit offenen Armen empfangen.“ Drei Monate später nannten die anderen sie nur noch die „Hausmutti“, kamen mit Problemen zu ihr. Diese Zeit habe sie selbstständiger gemacht, so Jessica. Irgendwann war sie bereit, den nächsten Schritt zu wagen. Eine eigene Wohnung.

Jessica will bald den Führerschein machen. Mit der Familie hat sie sich wieder angenähert. „Meine Mutter ist stolz, dass ich meinen Weg gehe“, sagt die 20-Jährige. Und wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen hat, sieht sie schon ihr nächstes Ziel vor Augen: Konditorin. Ja, es scheint gerade richtig gut für sie zu laufen. Auch in der Liebe. Jessica hat einen neuen Freund.

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