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Kiel

22. September 2017 | 12:06 Uhr

Internetfahndung belastet Polizei

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zu wenig Personal für Suche nach Tätern im weltweiten Netz / Trotz Anstieg bei Cybercrime – insgesamt sank Zahl der Straftaten in Kiel

shz.de von
erstellt am 19.Apr.2014 | 05:46 Uhr

Die Zahl der bekannt gewordenen Straftaten in der Landeshauptstadt ist auf dem niedrigsten Wert seit über 30 Jahren – das ist das Fazit der neuesten Kriminalitätsstatistik. „Ich freue mich, dass Kiel unter den kreisfreien Städten hinter Neumünster, Flensburg und Lübeck liegt“, sagt Thomas Bauchrowitz, Leitender Kriminaldirektor. Insbesondere, da die Stadt als Oberzentrum immer auch eine gewisse Sogwirkung für Kriminalität entfalte.

Der Rückgang der Straftaten bedeute allerdings nicht weniger Arbeit für die Kieler Polizisten. Im Gegenteil: Die Regionalleitstelle hat 2013 etwa 70 000 Einsätze der rund 900 Beamten der Polizeidirektion Kiel, zu der auch der Kreis Plön gehört, koordiniert. Hinzu kamen über 200 Einsätze wegen Fußballspielen, Demonstrationen oder der Rocker, bei denen zusätzlich zum täglichen Dienst rund 35 000 Einsatzstunden anfielen. Außerdem, so Bauchrowitz, würden Ermittlungsverfahren immer komplexer und erforderten eine spezialisierte Sachbearbeitung im wachsenden Bereich des „Cybercrime“. „Das Internet wird immer häufiger zum Tatmittel“, so Bauchrowitz. Die Straftaten im Netz wie Internet- und Warenkreditbetrug sind um mehr als 20 Prozent angestiegen. Die Täter im Netz zu finden und die Spuren verwertbar zu sichern und auszuwerten, werde die Herausforderung der nächsten Jahre sein. Denn die Ermittlungen gestalten sich oft schwierig, da viele Täter aus dem Ausland agieren. Derzeit ist die Arbeitsbelastung der zuständigen IT-Beamten so hoch, dass die Auswertung beschlagnahmter Geräte Monate dauere, es sei denn, es gehe um Mord und Totschlag. „Selbst wenn wir doppelt so viele Leute in dem Bereich hätten, wären die alle ausgelastet“, sagt Rolfpeter Ott, Chef der Kriminalpolizei. Ein Zustand, der nicht haltbar ist, wie er findet. „Befragen Sie nach einem Jahr mal Zeugen zu einer so lange zurückliegenden Tat.“ Derzeit sei man noch nicht im Bereich, in dem Verjährungsfristen eintreten. „Aber das könnte durchaus passieren, wenn das Pensum weiter so steigt“, warnt Ott und fügt hinzu: „Schwerpunkte zu setzen, ist politisch gewollt. Auch wir sind von den geplanten Einsparungen betroffen.“

Und nicht nur die Internetkriminalität steigt stetig, auch die Beweisanforderungen seitens der Gerichte wachsen seit Jahren. Dies hat zur Folge, dass sich der Arbeitsaufwand pro Fall für die jeweiligen Sachbearbeiter erhöht.

Doch wie sind die insgesamt 24 043 Straftaten in Kiel verteilt? Fast die Hälfte aller Taten sind Diebstähle (47,9 Prozent). Die Zahl der Wohnungseinbrüche stieg um 40 Prozent an, dabei betont Ott aber, dass es bei 315 der insgesamt 732 Fälle nur zum Versuch kam. „Hier können die Bürger selbst für Sicherheit sorgen. Wenn ein Einbrecher nicht beim ersten Versuch Erfolg hat, zieht er weiter“, sagt Bauchrowitz. Als Grund für den starken Anstieg nannte Ott eine Mischung aus Beschaffungskriminalität und den sogenannten reisenden Banden, die auch in Hamburg und Flensburg für Schlagzeilen sorgten.

Die Zahl der Körperverletzungen sank 2013. Das schiebt Ott unter anderem auf das neue Konzept in der Bergstraße: Türsteher, von denen selbst keine erhöhte Gewaltbereitschaft ausgeht, weil sie durch versiertes Sicherheitspersonal ersetzt wurden, der aufgestellte Glascontainer und verstärkte Streifen. „Normale Körperverletzungen sind schwer zu verhindern, wenn Alkohol fließt. Aber die Zahl der schweren Taten mit Gegenständen sind deutlich zurückgegangen.“ Auch die angezeigten Raubtaten (258 Fälle) sind weniger geworden. Die Vermögens- und Fälschungsdelikte machen in der Kriminalstatistik insgesamt mehr als 13 Prozent aus. Ein Grund hierfür ist der schon beschriebene Anstieg der Internetkriminalität.

Wer sind die Täter? Die Kieler Polizei hat 8161 Tatverdächtige ermittelt, die Aufklärungsquote aller angezeigten Straftaten liegt bei 48,4 Prozent. Die Täter sind meistens männlich, fast die Hälfte ist bereits polizeibekannt und mehr als 70 Prozent wohnen in Kiel. Jugendliche und Heranwachsende sind im Vergleich zu ihrem Anteil in der Kieler Bevölkerung überproportional oft Täter. Diese Zahl steigt allerdings bundesweit. Während Jugendliche (14 bis 18 Jahre) eher klauen, liegt bei Heranwachsenden (bis 21) die Körperverletzungen an erster Stelle. „Das nehmen unsere Kollegen auch im Dienst war, die immer größer werdende Respektlosigkeit der jungen Menschen“, sagt Ott.

Und wer sind die Opfer? 4504 Menschen fasst die Statistik der Polizei, doch als Opfer gilt hier nur, der körperlichen Schaden genommen hat. Menschen, in deren Fahrzeug oder Wohnung eingebrochen wurde, fallen durchs Raster. Wie bei den Tätern machen Jugendliche rund 20 Prozent der erfassten Personen aus, sie werden also auffällig oft zu Opfern. Die meisten Geschädigten sind männlich und zwischen 21 und 40 Jahren alt. Senioren sind, entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, „normal oft“ betroffen – gemessen an ihrem Anteil in der Bevölkerung. Allerdings werden sie, auch wenn sie Opfer von Trickdiebstahl und Betrug werden, nicht von der Statistik erfasst.

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