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Neue Entmagnetisierungsanlage in Kiel : In Friedrichsort werden Kriegsschiffe „unsichtbar“ gemacht

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Für viele Schiffe ist die alte Anlage in Kiel zu klein. Eine neue muss her. Wieso, weshalb, warum: shz.de erklärt, was es damit auf sich hat.

Es ist ein langes Wort in der deutschen Sprache und wirft bei vielen ohne Ingenieurstudium, militärisches Know-How oder Technikverständnis vermutlich Fragen auf: Die Entmagnetisierungs-Behandlungsanlage. Das Wasser- und Schifffahrtsamt Lübeck realisiert für die Wehrtechnische Dienststelle der Bundeswehr (WTD71) in Kiel-Friedrichsort den Neubau einer sogenannten EM-Behandlungsanlage. Der 1. Rammschlag und somit der Baubeginn ist für den kommenden Montag geplant. Doch was ist das und wofür ist sie nützlich? shz.de erklärt es.

Eine Seekarte zeigt das neue Sperrgebiet am Bauplatz der neuen Anlage in Kiel-Friedrichsort.
Eine Seekarte zeigt das neue Sperrgebiet am Bauplatz der neuen Anlage in Kiel-Friedrichsort. Foto: Wasser- und Schifffahrtsamt Lübeck
 

Für die Deutsche Marine und die Königlich Niederländische Marine gebaut, soll die Anlage Marineeinheiten magnetisch vermessen und behandeln. Viele Wasserfahrzeuge haben durch ihren Stahlrumpf oder andere magnetische Bauteile (z.B. Transformatoren) ein abweichendes Magnetfeld, also eine magnetische Signatur. Diese Magnetanomalie wird im militärischen Bereich häufig zur Kriegsführung genutzt. So können zum Beispiel Seeminen oder Torpedos mit magnetischen Zündern explodieren, wenn ein Wasserfahrzeug diese passiert. Sie reagieren auf Veränderungen im Magnetfeld. Daher versucht man, die magnetische Signatur eines Schiffes möglichst klein zu halten. Ziel der Entmagnetisierungs-Behandlungsanlage ist es, Schiffe magnetisch „unsichtbar“ zu machen.

In der neuen Anlage können Schiffe bis zu 180 Metern Länge behandelt werden.
In der neuen Anlage können Schiffe bis zu 180 Metern Länge behandelt werden. Foto: Wasser- und Schifffahrtsamt Lübeck
 

Sogenannte MES-Anlagen an Bord der Schiffe können diese fast vollständig aufheben. Dieser „magnetische Eigenschutz“ sorgt mit Hilfe von Spulen dafür, die magnetische Signatur zu stören und sie in mehrere Richtungen zu unterdrücken. Einige - aber längst nicht alle - Marineschiffe werden heute hauptsächlich aus nichtmagnetischen Materialien (Holz, Buntmetalle) gefertigt, um die Signatur zu minimieren. So sind insbesondere Minenabwehrschiffe oder U-Boote so konstruiert, dass sie eine geringe magnetische Signatur besitzen. Dennoch gibt es auch dort Teile, die aus magnetischem Material bestehen.

Damit dieser Eigenschutz richtig arbeitet, werden die Marineeinheiten am Standort Kiel (und in Wilhelmshaven) in regelmäßigen Abständen genau vermessen. Schiffe mit einer Länge von bis zu 180 Metern, 25 Metern Breite und 9 Metern Tiefgang können auf der künftigen Anlage in Friedrichsort „behandelt“ werden. Ein Neubau ist nötig, da Schiffe ab Baujahr 2005 können in der bestehenden Anlage nicht mehr vermessen werden können. Dabei wird unter verschiedenen Bedingungen eine Messung durchgeführt und am Ende die MES-Anlage so angepasst, dass sie der magentischen Signatur des Schiffes optimal entgegenwirkt. Die Techniker müssen dabei nicht nur die materialbedingten magnetischen Störfelder des Schiffes (z.B. Stahlrumpf) selbst behandeln, sondern auch Rücksicht auf das unterschiedliche Magnetfeld der Erde nehmen. Auch die Schiffsbewegungen im Einsatz sowie technisches Gerät an Bord müssen bei der Messung berücksichtigt werden. Eine MES-Anlage reagiert dann je nach Situation mit einem angepassten Magnetfeld auf die Störungen. Von dieser technischen Vermessung ist das bloße Entmagnetisieren zu unterscheiden, bei dem die dauermagnetische Ausrichtung eines metallenen Schiffsrumpfes temporär aufgehoben werden kann.

Im Borgstedter See bei Lehmbeck (Nähe Rendsburg) befindet sich ein Erdmagnetfeldsimulator. In einem 40 mal 120 Meter großen Becken, können Marinefahrzeuge bis 1000 Tonnen, wie Minensuchboote oder die U-Boote der Klasse 212A, vermessen werden. Die Anlage kann Magnetfelder von jedem beliebigen Ort der Erde simulieren.

Die neue Anlage in Kiel muss für korrekte Einmessungen der Schiffe amagnetisch, also nicht magnetisch, sein. So können Störungen durch magnetische Einflüsse der Anlage ausgeschlossen werden. Die Anlage mit den Abmessungen von 240 mal 80 Metern wird daher aus nichtmagnetischen Materialien hergestellt.

Fertigbetonpfähle mit einer Plastikkonstruktion.

Fertigbetonpfähle mit einer Plastikkonstruktion.

Foto: Wasser- und Schifffahrtsamt Lübeck

Die 567 Fertigbetonpfähle haben in ihrem Inneren daher keinen Metalverstärkungen, sondern welche aus Kunststoff. Auch der Überbau aus rund 200 Einzelelementen wird amagnetisch sein. Insgesamt soll das Projekt 63 Millionen Euro kosten.

Der Meeresgrund unter der Anlage musste ebenfalls von magnetischen Störquellen geräumt werden. Ende 2015 war diese Räumung beendet. Dabei wurden 1000 „Anomalien“ und 30 Tonnen Kampfmittel geborgen.

Der Meeresboden am neuen Standort der Anlage musste von magnetischen Störquellen befreit werden.
Der Meeresboden am neuen Standort der Anlage musste von magnetischen Störquellen befreit werden. Foto: Wasser- und Schiffahrtsamt Lübeck
 

 

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erstellt am 07.Feb.2016 | 18:59 Uhr

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