Gelebte Inklusion : Im „Freistil“ zählt das Handicap nicht

Zuhören und Erklären ist wichtig, Stress ist fehl am Platze:  Die gehörlose Christine Nowraty (2. v. l.), die körperlich eingeschränkte Anette Post (2. v. r.) und der lernbehinderte Simon Lange (r.) fühlen sich bei Restaurantleiter Sven Büll-Carstens (Mitte), bei Küchenchef Tade Assel (l.) und der Service-Leitung Lynn Assel im „Freistil“ akzeptiert und gut aufgehoben.
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Zuhören und Erklären ist wichtig, Stress ist fehl am Platze: Die gehörlose Christine Nowraty (2. v. l.), die körperlich eingeschränkte Anette Post (2. v. r.) und der lernbehinderte Simon Lange (r.) fühlen sich bei Restaurantleiter Sven Büll-Carstens (Mitte), bei Küchenchef Tade Assel (l.) und der Service-Leitung Lynn Assel im „Freistil“ akzeptiert und gut aufgehoben.

Die Agentur für Arbeit zeichnete das Restaurant „Freistil“ im Gebäude des früheren Lessingbades gestern mit dem Inklusionszertifikat aus. Die Hälfte der 18-köpfigen Belegschaft besteht aus Mitarbeitern mit einem Handicap.

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01. Dezember 2017, 18:03 Uhr

Nichts ist schöner, nichts ist aber auch schwieriger, als mit Vorurteilen aufzuräumen. Petra Eylander, die Leiterin der Kieler Arbeitsagentur, und Wolfgang Assel von der Stiftung Drachensee kennen die gängigen Vorbehalte gegenüber Behinderten im Betrieb zur Genüge. Sie sollen oft krank, wenig flexibel und kaum einsatzbereit sein. Doch das ist für beiden Experten erlesener Quatsch. Zu den Betrieben, die täglich das Gegenteil beweisen, gehört das „Freistil“ im Hause des  früheren Lessingbades. Die Agentur zeichnete das Restaurant gestern mit einem Zertifikat für beispielhafte Inklusion aus.

Das „Freistil“ beschäftigt 18 Mitarbeiter. Acht von ihnen haben eine Behinderung, ein Handicap, wie es mitunter auch heißt. Christine Nowraty ist eine von ihnen. Die 56-Jährige ist von Geburt an gehörlos und kann im Gespräch die Worte nur vom Mund ablesen. Sie fühlt sich im „Freistil“ sehr gut aufgehoben. Meist arbeitet sie in der Küche, sie kümmert sich aber auch um die Dekoration oder ums Sauermachen. Die Kollegen nennen sie anerkennend ihr „Mädchen für alles“.

Anette Post (61) hat bis zur Insolvenz in der Kompass-Klinik in Dietrichsdorf gearbeitet. Nach einem Kniescheibenbruch und einer komplizierten Schultertrümmerfraktur ist sie nur eingeschränkt beweglich. Der Dauerschmerz hindert sie aber nicht daran, im Service als freundliche und zuvorkommende Bedienung zu arbeiten. „Ich liebe den Umgang mit Menschen“, sagt sie über sich und findet damit wohl gleichzeitig die richtigen Worte über ihren Job im „Freistil“.

Simon Lange (43) war einst in der Poststelle eines Logistik-Unternehmens beschäftigt. Wie alle seine behinderten Kollegen im „Freistil“ hat auch er früher Herabwürdigungen am Arbeitsplatz erlebt. Sein Handicap: Er ist lernbehindert und leidet unter gelegentlichen Spastiken. Er braucht für die Aufgaben etwas länger als nichtbehinderte Menschen und greift deshalb gerne auf Hilfsmittel zurück. Etwa auf den kleinen Taschenrechner, um den Gästen die Rechnung zu präsentieren. Mit derlei Mathe-Aufgaben hatte er nie etwas zu tun, aber im „Freistil“ hat man ihm beigebracht, zu bedienen und am Ende auch zu kassieren. Simon Lange ist ehrlich: „Am Anfang war ich ganz schön aufgeregt.“ Heute ist er stolz.

Das „Freistil“ wurde vor einem Jahr als Integrationsbetrieb der Stiftung Drachensee eingerichtet. Der Behindertenanteil liegt bei 50 Prozent. Im umgebauten Gebäude des früheren Lessingbades – in dem heute auch eine Schulturnhalle und eine Kita samt Krippe untergebracht sind – will Restaurantleiter Sven Büll-Carstens mit seiner Mannschaft beweisen, dass der Betrieb auch unter veränderten Bedingungen gut laufen kann. Die Agentur für Arbeit würdigt diesen Ansatz mit dem „Inklusionszertifikat“. Aus gegebenem Anlass, denn am Sonntag, 3. Dezember ist der internationale Tag für Menschen mit Behinderungen.

Eines mögen die Betroffenen übrigens gar nicht: Mitleid. Sie wollen sich beweisen, sie wollen als normale Mitmenschen mit Einschränkungen wahrgenommen werden. Skeptischen Zeitgenossen empfiehlt Simon Lange, sich das „Freistil“ einmal selbst anzuschauen. Und er entpuppt sich sofort als loyaler Mitarbeiter, wenn er hinzufügt: „Für den Brunch am 1. Weihnachtstag haben wir noch Plätze frei.“

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