Flüchtlinge in Kiel : Ihre Flucht endet an der Förde

In diesem UN-Camp in Beirut „lebt“ derzeit Mahmouds Familie. Seine Kinder warten sehnlichst darauf, ihren Vater wiederzusehen.
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In diesem UN-Camp in Beirut „lebt“ derzeit Mahmouds Familie. Seine Kinder warten sehnlichst darauf, ihren Vater wiederzusehen.

Bürgerkrieg und islamistische Rebellen zwingen immer mehr Syrer und Iraker zur Flucht aus ihrer Heimat. Wir haben zwei junge Männer in Kiel getroffen.

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02. Juli 2014, 06:29 Uhr

Deutschland will mehr Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen – eine Nachricht, die schon eingereiste Familienmitglieder hoffen lässt. 10 000 seien aber zu wenige, sagen Kritiker in Anbetracht der großen Zahl an Antragsstellern. 526 Asylsuchende leben derzeit nach Angaben der Stadt in Kiel. Wöchentlich kommen zehn bis 14 weitere hinzu. Allein in diesem Jahr sind der Landeshauptstadt bis Mai vom zuständigen Landesamt in Neumünster 216 Asylsuchende zugewiesen worden, wie es in Amtsdeutsch heißt. Hinter den Zahlen stecken bewegende Einzelschicksale. Wie geht es den Menschen, die nach Deutschland geflohen und in Kiel gelandet sind? Ein Besuch in einer Unterbringung mitten in Kiel.

Sabast (21) lächelt. Der junge Iraker spricht gut Deutsch, einen Dolmetscher braucht er nicht, um seine Geschichte von der Flucht aus seiner Heimat zu erzählen. „Damals sagte jeder, Deutschland ist das beste Land in Europa. Hier kannst du arbeiten und Geld verdienen“, erzählt er. Doch zwei Jahre später wartet er noch immer auf eine Entscheidung über seinen Asylantrag. Ohne eine Genehmigung kann er in Deutschland nicht arbeiten. „Mein Vater hat extra das Auto verkauft, um mir die Flucht zu ermöglichen. Ich wollte hier arbeiten, um Geld für die Flucht meiner Familie zu verdienen.“ Das lange Warten und „in der Luft hängen“ mache die Jungs mürbe, erklärt Heimleiterin Katja Kuhlmann. Sie arbeitet beim Christlichen Verein, der in der Landeshauptstadt die Betreuung der Flüchtlinge übernimmt, eng mit Ämtern und Behörden zusammenarbeitet, Gespräche führt, um zu wissen, was die Flüchtlinge brauchen – von ärztlicher Hilfe, über Traumaberatung bis hin zu anderen Ansprechpartnern.

Sabast floh damals nach Deutschland, weil er zur christlichen Minderheit der Jesiden gehört. „In der Wahrnehmung der Isis bin ich kein Mensch. Sage ich, dass ich Jeside bin, werde ich getötet.“ Wäre er Moslem, hätte er nach Kurdistan fliehen können, sagt er. Aber so sollte und musste es Deutschland sein. 37 Tage dauerte die „Reise“ – 37 Tage, in denen er Angst hatte, erwischt zu werden. „Sie haben uns gedroht, uns geschlagen, wenn wir gesagt haben, wir können nicht mehr.“ Sie, das sind die Schlepper, die ihn zusammen mit neun anderen für viel Geld und unter schlechten Bedingungen nach Deutschland gebracht haben. Allein er zahlte fast 12 000 US-Dollar. Essen und Trinken bekam er nicht. Er musste sich ausziehen, alle Wertsachen und auch das letzte bisschen Geld an sie abgeben und tagelang am Strand entlang laufen. „Laufen, laufen, laufen. Sie sagten, es sind nur drei Stunden. Aber es waren mehr als sechs Tage“, erzählt Sabast. Jeder dieser zehn Flüchtlinge hat diese Tortur überlebt. Aber das ist nicht immer so, weiß Sabast: „Mein Cousin ist dabei gestorben.“ Erstickt, im viel zu engen unbelüfteten Transporter, versteckt unter Tarn-Ladung.

In Deutschland angekommen, fühlte sich der damals 19-Jährige wie „neu geboren“. „Es war mein zweiter Geburtstag“, erinnert er sich. Auch der Kontakt zu „Nazis mit Glatze in Frankfurt-Oder“, die ihm drohten, ihn „kalt zu machen“, konnte seine Freude über die erfolgreiche Flucht nicht trüben. Das schaffte erst die deutsche Bürokratie. Sabast: „Ich warte und warte auf eine Antwort. Mittlerweile habe ich fast keine Hoffnung mehr. Dabei würde ich so gern arbeiten gehen, mir ein Leben aufbauen.“ Sabast hat die Hauptschule besucht, im August sind die Abschlussprüfungen, danach will er eine Ausbildung beginnen – aber spätestens beim Einstieg in das Berufsleben ist der unsichere Aufenthaltsstatus ein vernichtendes Hindernis.

Mahmoud (33) aus Syrien sitzt neben Sabast am Tisch. Er ist seit knapp einem Monat in Deutschland und hat noch das Paradies-Gefühl. Er ist voller Hoffnung, seine Familie bald nachholen zu können, sich hier ein neues Leben aufzubauen. Warum ist er geflohen? „Syrien ist die Hölle!“ Seine Augen füllen sich mit Tränen. Mahmoud ist gelernter Friseur, stylte syrischen Frauen die Haare. Ein Unding für die islamistischen Rebellen. Sie nahmen ihn fest, sperrten ihn in eine enge dunkle Zelle. „Einen Meter hoch stand darin das Wasser“, erzählt er. Sie zwangen ihn, der ebenfalls Jeside ist, zu beten, wie die Isis-Anhänger es tun. Sie folterten ihn. Er macht eine Pause. Zu grausam sind die Erinnerungen. Aber er will erzählen welches Leid ihm widerfahren ist und zigtausend anderen Menschen immer noch widerfährt. „Die Welt muss wissen, was wir durchmachen.“ Er erzählt weiter, betont die Misshandlungen während der Gefangenschaft. Bis er schließlich freikam. „Meine Frau verkaufte ihren ganzen Schmuck, um mich freizukaufen.“ Nach einer Woche sah er wieder Tageslicht.

Es war nicht seine erste Gefangenschaft. Mahmoud ging bereits 2007 und 2011 auf die Straße, um gegen Assad zu demonstrieren. Damals wurde er von Assads Schergen geschnappt und eingesperrt. „Das ist die letzte Mahnung gewesen, haben sie mir gesagt beim Gehen.“ Die letzte Mahnung, erklärt der Dolmetscher, heißt: „Beim nächsten Mal bist du tot“. Mahmoud: „Meine Frau wollte, dass wir sofort fliehen. Wir haben unser Haus verkauft für 6000 Euro, um Geld für die Flucht zu haben.“ Zum vorerst letzten Mal umarmt Mahmoud seine Frau und seine vier Kinder, seine Mutter und den Bruder. Sie alle wollen raus aus der zur Hölle gewordenen Heimat, doch ihre Wege müssen sich trennen.

Für 100 Euro gelangt Mahmoud nach Istanbul, läuft sechs Tage bis zur griechischen Grenze. Von da geht es mit acht anderen, eingepfercht in einen Transporter, versteckt unter Kartoffeln und Gemüse, nach Deutschland. Ein paar Datteln habe er zu Beginn bekommen, das habe keine vier Tage gereicht. Doch vier Tage dauerte allein die Fahrt von Griechenland bis nach Hamburg. Auch für ihn war es der zweite Geburtstag. Obwohl seine Familie in einem UN-Camp in Beirut im Libanon ist. „Sie müssen da weg, es ist kein Leben“, sagt Mahmoud. „Jedes Mal, wenn ich mit ihnen telefoniere, fragt mich mein großer Sohn, wann ich ihn holen komme.“ Er schluckt. Tränen laufen über sein Gesicht. Er sagt, dass er dankbar ist, hier sein zu dürfen. Aber er hofft, dass die deutsche Regierung es möglich macht, dass er und seine Familie bald hier zusammen leben können.

Anträge von Flüchtlingen aus Syrien werden in der Regel schneller bearbeitet, weil sie aufgrund der anerkannten humanitären Notlage einen besonderen Status haben, erklärt Kuhlmann. Auch Mahmoud möchte hier arbeiten, gern wieder als gelernter Friseur, Geld verdienen für sich und seine Familie.

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