zur Navigation springen

Wohlfühlmorgen für Bedürftige in Kiel : „Ich fühl’ mich wieder wie ein Mensch“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Frühstück, Frisör und Massage: Rund 60 Gäste nutzten das erstmalige Angebot in einer Kieler Schule. Künftig soll es zwei Mal im Jahr stattfinden.

Kiel | Was in manch anderen Städten bereits fest etabliert ist, hatte am Sonnabend in Kiel Premiere: In der Gelehrtenschule fand der erste Kieler Wohlfühlmorgen für Wohnungslose und Arme statt und rund 60 Gäste kamen. Initiiert vom Malteser Hilfsdienst, der Katholischen Frauengemeinschaft, der Caritas, dem Sozialdienst katholischer Frauen, der Gelehrtenschule sowie Sponsoren und ehrenamtlichen Helfern gab es für die, die es sonst nicht gerade leicht haben im Leben, ein Angebot, das keinen Wunsch offen ließ. Es reichte von der Dusche und Massage über Friseurbesuch, Kosmetik und Pediküre bis hin zum leckeren Frühstück. Zudem gab es eine Schuldner- und Sozialberatung, die mobile Zahnarztpraxis der Hamburger Caritas war vor Ort, ebenso ein Arzt und auf die vierbeinigen Begleiter wartete eine Tierärztin.

Schirmherr des „Kurzurlaubs für Körper, Geist und Seele“ war Kiels Generalintendant Daniel Karasek. „Es ist eine gute Sache und gerade zurzeit, da in den Medien die Flüchtlinge favorisiert werden, auch eine wichtige Sache. Als Theater wollen wir uns positionieren und in der Konsequenz überlegen, was wir für Obdachlose und Arme in Kiel tun können“, sagte Karasek.

Dass Armut jeden treffen kann, zeigt das Beispiel von Dieter (60), seiner Ehefrau Christine (50) und dem gemeinsamen Freund Franz (72). Sie sind zwar nicht wohnungslos, leben aber allesamt von einer kleinen Rente – Dieter aufgrund früher Verrentung nach zwei Herzinfarkten; Franz aufgrund dessen, dass er zwölf Jahre bei einem Arbeitgeber beschäftigt war, der plötzlich verschwand und sich dann herausstellte, dass für die ganzen Jahre keine Sozialabgaben gezahlt wurden.

Am Sonnabend aber genossen sie gemeinsam das Frühstück am gedeckten Tisch und ließen sich von Schülern wie Christian von Campe (17) bedienen. Weitere Angebote standen für die Drei natürlich auch auf dem Plan. Gefragteste Stationen neben dem Brunch waren die Physiotherapie, die Kosmetik und der Friseur. So ließ sich der 64-Jährige Harald dort von Mijo Kovaceviv eine neue Frisur schneiden und den Bart stutzen. Das erledigte der 24-jährige Friseur nicht weniger sorgfältig als sonst bei seiner Kundschaft – inklusive dem Schneiden der Augenbrauen. „Es ist interessant und macht Spaß, den Leuten zu helfen. Und man lernt eine andere Seite des Lebens kennen“, so Mijo Kovacevic. Auch Nicole Bloch hatte mit der Pediküre gut zu tun. Die medizinische Fußpflegerin umsorgte die Füße von Besucherin Brunhilde (70). Diese war überrascht von dem vielfältigen Angebot, das die Organisatoren auf die Beine gestellt hatten. „Nach der Pediküre werde ich erstmal frühstücken und dann weitere Angebote nutzen“, sagte Brunhilde, die auch die vielen guten Gespräche zu schätzen wusste.

Andere Angebote wie beispielsweise die mobile Zahnarztpraxis hatten etwas weniger zu tun. „Das muss sich in Kiel erst rumsprechen, dann kommen nächstes Mal auch mehr Leute zu uns“, meinte Torsten Woelk von der Hamburger Caritas.

Ein nächstes Mal wird es geben. Der Wohlfühlmorgen soll in Kiel fest etabliert werden und künftig zweimal im Jahr stattfinden. „Ich fühl mich wieder wie ein Mensch“. Mit diesen Worten bedankte sich eine Besucherin am Ende bei Sylvia Bonse vom Malteserorden, Koordinatorin des Wohlfühlmorgens. Für sie war es „ein Satz, der mich sehr gerührt hat und der zeigt, dass wir einen Nerv getroffen haben.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen