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Ein Jahr im amt : „Ich bin nicht der Ronaldo-Typ“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Frühjahr 2015 hat Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer sein Amt angetreten. Im Interview blickt er zurück auf ein Jahr im Chefsessel im Kieler Rathaus. Er spricht über Krawatten, Fregatten, seinen schlimmsten Tag – und will unbedingt die Olympischen Segelwettbewerbe 2024 höchstpersönlich eröffnen.

shz.de von
erstellt am 24.Apr.2015 | 17:56 Uhr

Frage: Ein Jahr nach dem Dienstantritt: Sind Sie mit sich zufrieden, Herr Kämpfer?

Antwort: Sich selbst Noten zu geben ist natürlich schwer. Aber ich habe gemerkt, dass mir das Amt liegt. Nach der Kieler Woche 2014 habe ich gewusst: Ich kann das. Ich kann mich noch erinnern, dass ich auf einer amerikanischen Fregatte war: Captain’s Dinner, ganz formell, Verabschiedung mit Ehrengarde. Dann steigt man ins Auto, reißt sich die Krawatte vom Hemd und eröffnet die Spiellinie auf der Krusenkoppel. Vor 500 kleinen Kindern muss man ganz anders sein. Man kann diesen Job allerdings nicht 100 Prozent perfekt machen. Ich bringe ein, was mir möglich ist, ohne in zwei Jahren vor dem Scheidungsanwalt zu sitzen oder in der Burn-out-Klinik zu landen. Dieser Zwitter-Job zwischen Grüß-Gott-Onkel und Aktenfresser, das passt eigentlich nicht zusammen – aber für mich macht es den Reiz aus.

Wenn man an Ihre Vorgänger denkt – gibt es mit Ihnen einen neuen Stil im Rathaus?
Norbert Gansel, Angelika Volquartz, Torsten Albig, Susanne Gaschke – und dann wiederum Ulf Kämpfer: Wir sind alle sehr unterschiedliche Typen. Ich glaube, dass ich aufgrund meiner Erfahrung als Richter und Mediator und meines Alters einen sehr eigenen Stil mitbringe, der hoffentlich entscheidungsfreudig ist und andererseits versucht, eine menschliche Führung vorzuleben.

Man kann sich bei Ihnen aber nicht vorstellen, dass Sie mit der Faust auf den Tisch hauen.
Ja, das tue ich selten. Ich bin nicht der Ronaldo-Typ, der vor jedem Freistoß auf dicke Hose macht. Ich gebe zu: Ich bin ein eher kooperativer und harmonie-orientierter Typ. Aber wie viel Härte braucht man? Die Frage ist doch: Wie kommt man am besten ans Ziel. Klare Kante habe ich spätestens als Richter gelernt.

Welche Ergebnisse weisen Sie vor?
Beispiel Haushalt. Das Defizit haben wir um über 20 Millionen Euro gesenkt. Beispiel Stadtwerke. Da sind wir auf einem guten Weg, haben eine Strategie entwickelt, hinter der wir geschlossen stehen. Wir führen mit MVV intensive Gespräche, aber es gibt noch keinen Durchbruch. Ich gehe davon aus, dass MVV an Bord bleibt – mit welcher Anteilshöhe auch immer. Beispiel Flüchtlingspolitik. Wir unterstützen das Land bei der Errichtung einer Erstaufnahmeeinrichtung für 600 Menschen am Bremerskamp und sorgen trotzdem dafür, dass ein gemischtes Quartier mit Wohnraum insbesondere für Studierende mittelfristig entwickelt wird. Beispiel Kleiner Kiel-Kanal. Da habe ich mich dahintergeklemmt, stehe jetzt voll dahinter, auch wenn es nicht mein Projekt war. Die Diskussion ist versachlicht. Wir machen das, weil wir davon überzeugt sind. Da muss man als OB klar zeigen – ja oder nein.

Wo können Sie noch eine Schippe drauflegen?
Im Rathaus haben wir eine Menge Herausforderungen, vom Generationenwechsel, über die Krankheitsquote bis zur Arbeitsbelastung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die zum Teil auch auf die Diskontinuität im Rathaus zurückzuführen sind und bei mir jetzt weit oben auf der Tagesordnung stehen müssen.

Stichwort Möbel Kraft: Werden Sie die Veröffentlichung des Wertgutachtens, über die das Verwaltungsgericht Schleswig entschieden hat, anfechten?
Grundsätzlich befürworte ich Transparenz. Bislang liegt mir aber noch keine Begründung des Gerichts für dessen Entscheidung vor, sodass ich mir dazu noch keine abschließende Meinung bilden konnte.

Welches war denn Ihre schlimmste Erfahrung bisher im Amt?
Oh je. Das war ein Investorengespräch, und der Investor war sehr speziell. Ich habe mehrmals gedacht, jetzt müsste man eigentlich aufstehen. Andererseits will man ja niemanden verprellen. Dieser Spagat, höflich zu sein, die Selbstachtung zu wahren, und die eigenen Befindlichkeiten nicht über das Interesse der Stadt zu stellen, das war für mich ein Drahtseilakt. Das waren eindeutig die schlimmsten drei Stunden meines Amts.

Kann man irgendwann einen Schlussstrich unter diese unselige Gaschke-Geschichte ziehen?
Ich hoffe doch sehr. Wir haben jetzt im Mai die Gläubigerversammlung. Ich habe den Fraktionsvorsitzenden Auskunft darüber gegeben, was wir im Verfahren verhandelt haben. Ich hoffe, dass das Zustimmung findet. Denn ich werde in dieser Sache keine Eilentscheidung treffen – das werden Sie verstehen (Gelächter). Ich meine, unter den gegebenen Umständen ist das Ergebnis gut – nämlich deutlich mehr als anfangs befürchtet, aber auch nicht so viel, wie der Stadt geschuldet wird. Gut ist auch, dass die Klinik erhalten werden konnte.
Wie ist intern der Stand der Dinge?
Ich habe dem Finanzausschuss einen Bericht zugesagt. Ich strebe an, dass der ganze Komplex – Insolvenzverfahren, interne Aufarbeitung, Disziplinarverfahren – bis Ende des Sommers abgeschlossen werden kann.

Stichwort Olympia-Bewerbung: Wie wollen Sie den Kielern erklären, dass sie 750  000 Euro aus dem Haushalt vorschießen müssen? Was bleibt dann auf der Strecke?
Wir müssen dafür nichts streichen, wir können das aus dem laufenden Haushalt finanzieren. Außerdem gibt es ja eine Initiative aus der Wirtschaft, die bis zu ein Drittel der Kosten durch Sponsoring tragen will. In der Gesamtsumme sind auch Kosten enthalten für den Bürgerentscheid. Ohne den geht es nicht. Auch die Machbarkeitsstudie ist darin enthalten. Gerade in der Studie wollen wir die zu erwartenden Kosten klar benennen. Und auch die Projekte, die dann vielleicht etwas später kommen. Aber ich werde nicht für Olympia die Zukunft der Stadt aufs Spiel setzen.

Können Sie sich vorstellen, selber die Segelwettbewerbe zu eröffnen?
Absolut! 2024 allemal. Das lasse ich doch keinen anderen machen! Wenn mich die Kieler für eine zweite Amtszeit wählen, vorausgesetzt. Aber ich bin dabei.

Dann müssen Sie aber Segeln lernen.
Ich hab ja meinen Segelschein gemacht! Letzten Sommer auf Hiddensee. Zehn Stunden auf dem Wasser, 42 Seiten Theorie und Prüfung. Das war seit der Doktorprüfung das erste Mal, dass ich eine Prüfung ablegen musste.





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