Zwölf Tote im UKSH Kiel : Hygiene-Experte: „Die Keime können sich verstecken“

Mathias Hermann ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie.
Mathias Hermann ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie.

Zwölf Patienten starben bereits im UKSH Kiel. Wie muss mit den Infektionen umgegangen werden? Ein Interview mit dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie.

Margret Kiosz von
27. Januar 2015, 06:41 Uhr

Herr Professor Hermann, einige Ihrer Kollegen erheben schwere Vorwürfe. Vorfälle wie jetzt in Kiel seien ein Zeichen von Schlamperei, Infektion immer die Folge von Hygienefehlern. Stimmt das?
Aus praktischer Erfahrung in verantwortlicher Stellung weiß ich, dass in der Hochleistungs-Intensivmedizin, wie sie in Kiel betrieben wird, multiresistente Erreger auftreten, die möglicherweise unentdeckt eingeschleppt werden, und dass es in einem gewissen Maße auch zu einer vorübergehenden Verbreitung kommen kann. Daraus kann nicht automatisch der Schluss gezogen werden, dass Hygienevorgaben nicht eingehalten wurden.

Also Generalabsolution für die Kieler?
Das werden spätere Untersuchungen zeigen, ob dort Fehler gemacht wurden. Doch nach dem, was wir derzeit wissen, kann ich nur raten, zunächst einmal die Kirche im Dorf zu lassen. Die Kieler haben jetzt genug damit zu tun, den Ausbruch in den Griff zu bekommen. Vorverurteilungen braucht Kiel in diesem Augenblick genauso wenig wie die anderen Kliniken, bei denen solche Erreger auftreten können. Hochkomplexe Behandlungsregime können schicksalhafte Ereignisse bedingen. Die Kieler Kollegen tun derzeit nach unseren Informationen alles Erforderliche, um die Situation zu beherrschen.

Ihr Kollege Klaus-Dieter Zastrow sagte am Montag im NDR, binnen 24 Stunden könne das Problem durch ernsthafte Desinfektion behoben werden. Stimmt das? 
Das bezweifele ich. Gerade der in Kiel aufgetretene Erreger zeichnet sich durch seine hohe Überlebensfähigkeit aus – auch unter Bedingungen, die andere Bakterien längst plattmachen würden. Wer sich auf einer Intensivstation einmal umgeschaut hat, weiß, da gibt es nicht nur glatte Flächen, sondern auch Ecken und Kanten. So eine Desinfektion ist aufwändig, und Ausbruchskeime können sich auch weiterhin auf oder in Menschen „verstecken“.

Ist bei der Aufnahme des Türkei-Rückkehrers, der den Keim ja wohl eingeschleppt hat, etwas schief gelaufen?
Man muss die Vorgeschichte kennen. Bei Fluggästen aus dem außereuropäischen Ausland können wir heutzutage bei mindestens jedem Dritten multiresistente Keime nachweisen. Wenn wir jeden Touristen screenen würden, der aus einem Flugzeug steigt und anschließend zu uns zur Behandlung kommt, würden wir schnell unser System überfordern. Richtig ist jedoch, dass Patienten, die in einem ausländischen Krankenhaus behandelt oder zuverlegt wurden, unter anderem durch Erregerscreening genauer unter die Lupe genommen werden, weil sie dort möglicherweise schon in Kontakt mit multiresistenten Keimen gekommen sind. Bevor wir diese Details nicht kennen, sollten sich Außenstehende mit Ferndiagnosen zurückhalten.

Putzen, Händewaschen, Screenen – lösen wir damit das Problem der multiresistenten Keime?
Seit Beginn der 80er Jahre sehen wir den Anstieg der Resistenzen. Derzeit wird ja heftig diskutiert, welchen Anteil dabei die undifferenzierte Gabe von Antibiotika in der Humanmedizin spielt, aber auch die außerhalb der Humanmedizin, also zum Beispiel bei Nutztieren. Zudem werden Behandlungen in unseren Hochleistungskliniken invasiver und aufwändiger. Und dann gibt es auch Probleme – die wir nicht wegdiskutieren können – mit der zunehmenden Arbeitsverdichtung für ärztliches und pflegerisches Personal. Punktuelle Eingriffe helfen uns deshalb nicht, wir brauchen ein ganzes Bündel  an Maßnahmen.

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