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Kurioser Strassenname : Humor oder Beamten-Verunglimpfung?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die einst umstrittene Benennung der „Beamtenlaufbahn“ im Jahr 1961 ist gut dokumentiert - wir haben uns das Protokoll angeschaut.

Beweist die Landeshauptstadt zwischen Lorentzendamm und Gartenstraße Selbstironie – oder ist ein über die Grenzen Kiels hinaus bekannter Fußweg an dieser Stelle eine „Verunglimpfung des Beamtentums“? Darüber ließ sich vor mehr als 50 Jahren trefflich streiten. Denn so lange gibt es diesen Straßennamen bereits. In Kiel ist die „Beamtenlaufbahn“ ein Schleichweg. Er gilt unter Staatsdienern als schnellste Verbindung zwischen den Dienststellen des Polizeipräsidiums und dem Rathaus. Auf halbem Weg lässt sich ein Abstecher zum Justizministerium oder zu anderen Behörden machen. Volkes Mund führte den Namen ein – und die Verwaltung griff ihn auf, schließlich stimmte auch die Ratsversammlung dafür. Das ist der Grund für diesen kuriosen Kieler Straßennamen. In unserer Serie darf er deshalb nicht fehlen.

Immer wieder amüsieren sich Kieler und Kiel-Besucher über die Beamtenlaufbahn. Sie wurde sogar in einer Ausgabe des Gesellschaftsspiels „Trivial Pursuit“ erwähnt – mit der Frage, in welcher deutschen Stadt es eine Straße mit dem Namen „Beamtenlaufbahn“ gibt. Im Kieler Stadtarchiv belegt eine Straßenbenennungsakte die genaue Entstehungsgeschichte.

Am 19. Januar 1961 entschied die Ratsversammlung, die volkstümliche Bezeichnung Beamtenlaufbahn als offiziellen Straßennamen zu übernehmen. Doch geradlinig lief die Entscheidung im Kieler Rathaus keineswegs. Die Initiative zur Benennung dieses Fußweges ging zwar von der Stadtverwaltung selbst aus. Ein Schreiben vom 12. Dezember 1960 aus der Vermessungsabteilung des Stadtplanungsamtes an das Bauverwaltungsamt fasst mehrere Vorschläge zur Namensgebung von Fußwegen zusammen. Einer davon ist besagte Beamtenlaufbahn.

Diese Idee stößt auf Widerstand. Zwar stimmt der Bauausschuss zunächst für die Benennung. Der Magistrat jedoch verweist den Fall zurück an das Gremium – zur nochmaligen Beratung. Am 11. Januar 1961 gibt ein Protokoll der Magistrats-Sitzung klar wieder, wie sehr der Vorstoß polarisiert. Mehrere damalige Stadträte äußern laut Akte Kritik: „In der Aussprache wendet sich CDU-Stadtrat (Anm.: Günter) Schubert gegen die Bezeichnung Beamtenlaufbahn. Er sieht darin eine Verunglimpfung des Beamtentums. Man sollte auch in der Straßenbenennung seriös bleiben“, heißt es erst. Auch Ordnungs-Stadtrat Reinhold Borchert (Partei unbekannt) „kann nicht glauben, daß die Bevölkerung unbedingt die Bezeichnung Beamtenlaufbahn will“. Wenn man alle kleinen Gänge und Wege mit Namen bezeichne, wachse der Schilderwald in der Stadt noch mehr an, gibt er zu bedenken. Das, was sich im Volksmund entwickele, müsse ja nicht gleich zu einer offiziellen Bezeichnung führen.

Doch SPD-Stadtrat Hans Schröder (Gesundheit) wiederum argumentiert, dass es ja gerade das CDU-Mitglied im Bauausschuss, Ratsherr Jacob Schäfer, gewesen sei, „das sich so sehr für die humorvolle Bezeichnung einsetzte. Man solle ruhig etwas Humor zeigen“.

Eine ähnliche Debatte wiederholt sich wenige Tage später in der Ratsversammlung. Besagter Ratsherr Schäfer trägt vor: Mit dem Vorschlag der Verwaltung hätten die Beamten „genau den Humor bewiesen, den auch die Ratsversammlung aufbringen sollte“. Ratsherr Heinz Lüdemann (SPD) unterstützt den Antrag und weist daraufhin, „daß es in Kiel auch einen Bäckergang und einen Pfaffenweg gibt, ohne daß sich jemand getroffen fühlt“. Erneute Ablehnung durch Stadtrat Schubert: „Das hat mit Humorlosigkeit nichts zu tun.“ Als stellvertretender Personaldezernent unterstützt auch Ordnungs-Stadtrat Reinhold Borchert wieder diese Haltung. Er empfiehlt, die Ratsversammlung solle sich darüber Gedanken machen, wie diese Namensgebung auf die Bediensteten aller Beschäftigungskreise wirke. Am Ende bekennt sich aber auch Stadtrat Gustav Schatz (Fürsorgestelle für Kriegsopfer, Unterhaltssicherung, SPD) zur Beamtenlaufbahn.

Allen Bedenkenträgern zum Trotz wird die Abkürzung zwischen Rathaus und Polizeipräsidium nach dem Vorschlag der Verwaltung benannt. Der Beschluss ergeht mit 25 gegen 15 Stimmen – bei vier Enthaltungen.


>  Nächstes Mal: Wie ein Weg zum Finanzamt zur Schröpfecke wurde. Auch diese Straßenbenennung stieß auf Widerstand.

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erstellt am 05.Feb.2016 | 06:01 Uhr

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