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Unterricht für Sehbehinderte : Hilfe fürs Leben in der Dunkelheit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Thorsten Graf gehört zu den Schülern von Iris Schumann, die stark sehbehinderte Menschen zur Eigenständigkeit anleitet. Den kleinen Privat-Unterricht ermöglicht die Iris-Stiftung, die sich nahezu blinden Menschen widmet.

shz.de von
erstellt am 05.Feb.2015 | 10:53 Uhr

Thorsten Graf (31) sitzt auf der Couch in seinem Wohnzimmer, einen Stapel frisch gewaschener Tisch- und Bettwäsche hat er vor sich auf dem Tisch. Überaus sorgfältig, manchmal ein wenig zögerlich, legt er schließlich die Kopfkissen zusammen, faltet ein paar Handtücher, und zum Schluss werden noch einige Trockentücher ordentlich zu kleinen Rechtecken zusammengelegt. Thorsten Graf erledigt diese Arbeit mit großer Muße und Sorgfalt, unterhält sich dabei mit Iris Schumann (51), die ihrem Nebenmann auf der Couch große Aufmerksamkeit schenkt.

Der junge Mann ist nämlich seit frühester Kindheit blind. Der Umgang und die Pflege seiner Wäsche, oder auch das Identifizieren von Geldscheinen und Geldmünzen, ebenso die Verarbeitung von Lebensmitteln – es fällt ihm nicht immer leicht. Genau das ist auch der Grund, warum Iris Schumann viele Stunden mit dem jungen Mann verbringt. Sie ist ausgebildete Reha-Lehrerin für blinde und stark sehbehinderte Menschen und besucht Thorsten Graf zwei Mal pro Woche, um ihm ergänzende lebenspraktische Fähigkeiten zu vermitteln.

Und Thorsten Graf ist ein überaus ehrgeiziger Schüler, wie übrigens die meisten Menschen mit Behinderungen. „Ich will, soweit es geht, selbstständig und eigenverantwortlich leben“, nennt er den Grund. Genau deshalb hat er auch ein weiteres Mal diese Schulung beantragt.

Thorsten Graf lebt in Hamburg zusammen mit ein paar anderen jungen Männern in einer sogenannten ambulantisierten Wohngruppe. Dies bedeutet, dass die Bewohner zwar regelmäßig eine sogenannte „Wohnassistenz“ erhalten, letztlich aber doch im Großen und Ganzen eigenständig ihr Zusammenleben organisieren. „Und das ist gut so“, ist Graf sicher.

Iris Schumann arbeitet im Auftrag des Iris-Instituts. Die Abkürzung Iris steht für „Institut zur Rehabilitation und Integration Sehgeschädigter“. Gegründet wurde diese Einrichtung bereits Ende der 1970er-Jahre in Hamburg vom US-amerikanischen Ehepaar Pamela und Dennis Cory. Die hatten damals ihren Wohnsitz nach Hamburg verlegt und bemerkt, dass es um die Integration sehbehinderter Menschen in der Hansestadt nicht gut bestellt war. Mit ihrer Schule sollen Menschen mit starken Sehproblemen die Chance erhalten, Fähigkeiten und Strategien zu erlernen, die ihnen helfen, trotz ihres schweren Schicksals den Alltag zu meistern.

Es geht dabei vor allem um die Vermittlung von Orientierung und Mobilität sowie um die blindenspezifische Schulung lebenspraktischer Fähigkeiten. Diese Lehrgänge werden überwiegend im Einzelunterricht durchgeführt und sind daher sehr zeit- und personalaufwendig. In den Kursen erfahren blinde und sehbehinderte Menschen ein hohes Maß an persönlicher Bewegungsfreiheit und damit einen Gewinn an Unabhängigkeit und Stärkung des Selbstwertgefühls. Im Iris-Institut werden auch Rehabilitationslehrer ausgebildet, um das Angebot an Schulungen und Lehrgängen möglichst vielen Menschen mit Sehbehinderungen zugänglich machen zu können.

Reha-Lehrerin Iris Schumann betreut parallel sechs sehbehinderte und blinde Menschen. Thorsten Graf ist ihr jüngster Schüler, eine erst kürzlich erblindete 86 Jahre alte Dame ihre älteste. „Die Anforderungen sind sehr unterschiedlich“, erklärt Iris Schumann, und dies hat vor allem damit zu tun, dass spät erblindete Menschen über einen soliden Fundus an praktischen Lebenserfahrungen im Alltag verfügen, während geburts- oder frühblinde Menschen darauf nicht zurückgreifen können. Thorsten Graf gehört zu den Fortgeschrittenen. Schlafwandlerisch bewegt er sich in der Wohngruppe, organisiert mal schnell einen Kaffee oder kümmert sich um das Essen. Sein Ein und Alles aber ist die Musik. Seit frühester Jugend hat sich der junge Mann der Mucke verschrieben, spielt inzwischen Instrumente in zwei Bands und singt im Chor. Rund um die Hamburger Region sind die „Living Music Box“ und die „sounddrops“ musikalisch längst zum Begriff geworden. Und auch um die Musik möglichst unabhängig und selbstständig betreiben zu können, haben die intensiven Iris-Schulungen für Thorsten Graf ihren Beitrag geleistet. „Das ist sicher so“, sagt er fröhlich.  

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