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Trauernde Kinder SH : „Hier kann ich Papa ganz nah sein“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie haben ihre Eltern verloren: Der Verein „Trauernde Kinder Schleswig-Holstein“ hilft seit zehn Jahren Kindern und Hinterbliebenen, mit ihrem Schmerz umzugehen.

shz.de von
erstellt am 13.Sep.2014 | 16:58 Uhr

Kiel | Ein großer Teddy, eine Spielecke. Warme Farben empfangen den Besucher in einer wohnlichen Atmosphäre des Hinterhofgebäudes in der Lerchenstraße. Alle, die hierher kommen, haben eines gemeinsam – den Verlust eines geliebten Menschen. Seit zehn Jahren gibt es den Verein „Trauernde Kinder Schleswig-Holstein“ nun schon in Kiel. Mehr als 300 Kindern und Jugendlichen haben die insgesamt 80 Ehrenamtler in dieser Zeit geholfen, mit ihrem Schmerz umzugehen. Immer mit dem Gebot, die Trauer „nicht wegzumachen, sondern zu lernen sie anzunehmen, denn sie gehört dazu“, sagt Martina Gripp, Pädagogische Leitung des Vereins.

Auch zu Danas Leben gehört die Trauer seit vier Jahren. Sie war gerade einmal drei Jahre alt, als ihr Vater an Krebs starb. Damals, so erzählt ihre Mutter, war sie zu klein, um die Tragweite zu verstehen. „Sie war es ja gewohnt, dass er wochenlang nicht zu Hause war, weil er im Krankenhaus lag.“ Doch als die beiden den Neuanfang in Kiel wagten – fernab der gewohnten Umgebung in Hamburg, begann es in ihr zu arbeiten. Mutter Eva: „Andere Kinder wurden oft von ihrem Papa aus der Kita abgeholt, Dana von mir.“ Eine von zahlreichen Schlüsselszenen, die das große Gefühl von Traurigkeit in ihr auslösten. Dana fing an, zu begreifen, dass es diesmal nicht nur Wochen des Abschieds sein würden und Eva wusste, dass nun der Punkt gekommen war, an dem beide Hilfe brauchten. In einer Radioreportage hatte sie von einem Angebot für Kinder verstorbener Eltern in Bremen gehört. „Ich wusste, dann muss es das auch woanders geben.“ An der Förde fand Eva die Adresse des Vereins in Kiel.

Seit zwei Jahren kommt Dana nun schon zu den Treffen. Warum? „Weil ich Papa hier ganz nah sein kann“, sagt sie und zündet eine Kerze für ihn an – ein liebgewonnenes Ritual beim Verein. Alle Gefühle können hier offen gezeigt werden. „Hier muss man sich nicht erklären, das ist das Schöne. Denn jeder weiß, warum man hier ist, alle kennen die Leere, Trauer und Gefühle“, sagt Eva. Jeden zweiten Donnerstag geht sie mit ihrer heute siebenjährigen Tochter zur Trauergruppe. Dana bleibt dann bei den anderen Kindern, Eva geht in den „Angehörigenraum“, zusammen mit den anderen Erwachsenen. Martina Gripp erklärt: „Uns ist wichtig, dass kein Kind alleine kommt und einfach abgegeben wird. Auch die Eltern haben hier die Chance für den Austausch.“

„Ich bin so unendlich glücklich, dass wir hierher kommen können“, erzählt Julia. Sie ist Jashas Mutter und besucht seit einem Jahr regelmäßig die Treffen, weil ihr Vater im Alter von 60 Jahren an einem zu spät erkannten Nierenkrebs starb. „Das Verständnis von Freunden und Familie hört irgendwann auf. Es wird halt als ‚normal‘ angesehen, dass der eigene Vater vor einem geht“, sagt Julia. Doch Trauer geht nicht wieder weg. „Wir machen hier ganz viel Erinnerungsarbeit, denn das ist Heilung und gehört zur Trauerarbeit dazu“, sagt Martina Gripp. Nichts ist gezwungen, keiner muss reden. „Jeder hat das Recht zu Schweigen“ lautet eine der wichtigsten Regeln, die alle akzeptieren. Und es gibt nur eine Bedingung: „Das Kind muss die Todesursache kennen, damit wir innerhalb der Gruppe offen miteinander umgehen können“, sagt Gripp.

Eineinhalb Stunden haben die beiden Mütter unabhängig von ihren Kindern Zeit mit anderen Erwachsenen zu reden – über den Alltag, die Kinder und den Verlust – alles im geschützten Rahmen. Kerzen, Gesprächsherz und Spiele dominieren dagegen die Kindergruppe. Nach einer allgemeinen Erzählrunde mit ehrenamtlichen Experten können die Kinder toben, Situationen nachspielen, kuscheln, lesen oder sich die Last von der Seele schreiben. Gripp: „Wir haben eine Klagemauer, in die Kinder ihre bedrückenden Dinge auf einen zusammengerollten Zettel stecken können.“ Wünsche dagegen kommen an den Wunschbaum. Viele buntgestaltete Äußerungen zeigen, welch Verantwortungsbewusstsein in den Kindern wächst, wenn sie einen geliebten Menschen verloren haben. „Ich wünsche mir Glück für Mama“ oder „eine tolle Zeit“ für andere Geschwisterkinder, ist oft zu lesen. „Es tut so gut, diesen Raum für die Trauer zu haben und es tut auch Jasha so gut“, sagt Julia. Und Eva ist ihr ein positives Beispiel: „Ich kann heute sagen, dass man das verlorene Urvertrauen zurückgewinnt, das Leben gibt einem viel, wenn man erst einmal wieder die Zeit hat, auch die schönen Dinge zu sehen.“

> Kontakt: www.trauernde-kinder-sh.de oder 0431/2602051

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