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Grünes Wohnen in Kiel : Harter Kurs gegen die Wohnlauben

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seit Jahren schon bekämpft die Stadt das „illegale Wohnen im Grünen“. Über 400 Verstöße sind aktenkundig, eine Duldung auf Zeit ist möglich.

shz.de von
erstellt am 21.Apr.2017 | 17:00 Uhr

Was früher toleriert und gestattet, mitunter sogar erwünscht war, kann heute verboten sein. Das zeigt das Beispiel der Wohnungen im Grüngürtel rings um die Stadt Kiel. In den ersten Jahrzehnten nach dem Kriege galt akute Wohnungsnot. Wer ein Gartenhäuschen beziehen konnte, war glücklich und fiel den Ämtern nicht mehr zur Last. Viele dieser Quartiere wurden später ausgebaut und modernisiert, etliche gegen gutes Geld verkauft. Die heutigen Bewohner aber schlagen sich mit den Auflagen der Stadt herum. Denn die Verwaltung verlangt die Einhaltung von Bestimmungen beispielsweise im Bau- und Umweltrecht – und kündigt jetzt auch Kontrollen überdimensionaler Lauben in den städtischen Schrebergartenkolonien an.

Den Dauerbewohnern der sogenannten privaten „Behelfsheime“ wird noch für maximal zehn Jahre per Vertrag ein Wohnrecht zugebilligt, danach müssen sie ausziehen. Und auf eigene Kosten ihr Häuschen abreißen. „Zurückbauen“, wie es in der Amtssprache heißt. Das war vor 30 Jahren anders. Den Betroffenen – inklusive der Kinder-Generation – wurde zugestanden, bis zum Lebensende vor Ort wohnen zu bleiben. Zudem sicherte die Stadt zu, den „Rückbau“ zu übernehmen.

Wolfram Kneib hat wenig Verständnis für die gewandelte Haltung der Stadt. Er kritisiert: „Den Mitarbeitern in der Verwaltung ist oft nicht klar, welche menschlichen Schicksale sich hinter ihren Entscheidungen verbergen.“ Kneib weiß, wovon er redet. Er wohnt mit Ehefrau Hanne Moll seit 1980 in der Nähe des Ostfriedhofs in einem Häuschen, das die Stadt heute für unerlaubt erklären würde. Als Oberbürgermeister Karl-Heinz Luckhardt Mitte der 80er-Jahre erstmals gegen die Bewohner der „Behelfsheime“ vorging, wurde Kneib Sprecher der neu gegründeten Initiative von 300 betroffenen Familien. Nach jahrelangen Protesten und Streitigkeiten bot die Stadt ihnen und ihren Kindern in speziellen „Duldungsverträgen“ Wohnrecht auf Lebenszeit an. Erst die dritte Generation wächst mit dem Gedanken an die endgültige Aufgabe der Häuschen auf.

„Das war eigentlich keine tragfähige Lösung“, erinnern sich Hanne Moll und Wolfram Kneib. Doch ähnlich wie ihre direkten Nachbarn am Rehsenweg in Wellingdorf wollten sie nach sieben Jahren juristischer Dauerfehde endlich Ruhe haben, sie unterschrieben den Vertrag. 25 dieser Altverträge sind nach Angaben der Stadt heute noch wirksam.

Es wuchs zwar Gras über die Sache, doch aus der Welt war das Problem nicht. Seit 2011 hat die Verwaltung das illegale Dauerwohnen im Grünen wieder verstärkt auf dem Schirm. Der heutige Bau-Dezernent Peter Todeskino spricht in seinem aktuellen Bericht von „weit über 400 Fällen mit unterschiedlichen Rechtsverstößen“. Das Spektrum reicht von illegal errichteten Entwässerungssystemen, Stromanlagen und Öfen bis zu überdimensionierten Gartenlauben mit dem Charakter eines Ferien- oder Wochenendhauses. Dabei sind bekanntlich nur Lauben mit 24 Quadratmeter Grundfläche zulässig. „Zum dauernden Wohnen dürfen sie nach ihrer Beschaffenheit nicht geeignet sein“, erklärt Todeskino in seiner Geschäftlichen Mitteilung. Die Stadt hat mittlerweile 125 Anhörungsverfahren durchgeführt und 65 Anordnungen der Bauaufsicht erlassen. Und wo sich die beiden Seiten vor Gericht trafen – 21 Verfahren sind anhängig oder bereits entschieden –, ist „zugunsten der Stadt entschieden worden“.

Für Kneib ist dies alles der verkehrte Weg. Der Stadtplaner, der auch als Gutachter gefragt ist in Sachen Boden- und Ressourcenschutz, spricht angesichts der Verknappung des öffentlichen Raums in der Stadt von einer falschen Strategie: „Für den normalen Bewohner wird’s immer enger. Es ist doch bekannt: Je ärmer die Menschen sind, desto schneller erwachsen Gefahren für das soziale Gemeinwesen.“ Und in einem Quartier wie Gaarden oder Wellingdorf, in dem bis zu 40 Prozent der Bewohner Hartz IV erhalten, bilde sich schnell sozialer Sprengstoff. „Wir brauchen eine soziale Perspektive für den Grüngürtel der Stadt“, fordert Kneib die städtische Verwaltung zum Umdenken auf. Für ihn steht fest: Dem sozialen Druck kann man auf Dauer mit dem plumpen Ordnungsrecht nicht begegnen.

Doch die Stadt, die seit Jahren mit dem Verein der Kleingärtner über Kreuz liegt, will ihre Kontrollen eher noch ausweiten. Vom Grundsatz her sollen die städtischen Pachtgärten genauso behandelt werden wie Eigentumsgärten. Die Bauaufsicht kontrolliert künftig auch die Schrebergärten – und schließt rechtliche Schritte gegen die Pächter nicht aus.  

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