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„Verkehrssünderdatei“ vom Kraftfahrt-Bundesamt : Handy am Steuer: Nur wenige werden ertappt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Verstöße sind in den letzten fünf Jahren zwar um 18 Prozent zurückgegangen, doch bei den Zahlen ist Vorsicht angebracht.

von
erstellt am 22.Jun.2016 | 14:00 Uhr

Flensburg | Die Polizei nimmt bundesweit offenbar den Druck aus der Verkehrsüberwachung. Dies ergibt sich aus Zahlen, die das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg am Mittwoch verbreitet hat. Danach sank etwa die Zahl der an die „Verkehrssünderdatei“ übermittelten Verstöße wegen verbotswidriger Nutzung von Mobiltelefonen am Steuer seit 2011 um 18 Prozent auf 363.417 Fälle. Schleswig-Holstein kommt im Fünf-Jahres-Zeitraum bis 2015 zwar auf einen Zuwachs um 3,4 Prozent auf 10.759 Fälle. Gegenüber 2014 ist das jedoch ebenfalls ein Rückgang um 5,4 Prozent.

Das Handy wegzulegen, kann Leben retten: Bei 101 Verkehrstoten auf den Straßen zwischen Nord- und Ostsee im vergangenen Jahr könnten nach Schätzungen zehn Menschen vielleicht noch leben, wenn die Autofahrer sich an das Verbot der Smartphone-Nutzung gehalten hätten.

Dass Autofahrer trotz drohenden Bußgeldes von 60 Euro und eines Punkts in Flensburg am Steuer tatsächlich weniger zum Handy greifen, erscheint fraglich. Schleswig-Holsteins ADAC-Chef Ulrich Klaus Becker: „Hinter solchen Zahlen steckt wenig bis gar kein Kontrolldruck.“ Eine Vorschrift mache nur dann Sinn, wenn Autofahrer bei Verstößen mit Sanktionen rechnen müssen. Das sei für die Polizei „oftmals nicht zu leisten“.

Ins gleiche Horn stößt die Gewerkschaft GdP. Landesgeschäftsführer Karl-Hermann Rehr: „Die Polizei hat die Leute nicht.“ Rehr verwies auf die Flüchtlingslage, die ebenso wie die gestiegene Zahl von Wohnungseinbrüchen oder „Großlagen“ wie Demonstrationen die Kräfte gebunden hätten.

Rehrs Einschätzung deckt sich mit dem Verkehrsunfallbericht der Landespolizei für 2015. „Insgesamt sind die Überwachungszahlen weiter zurückgegangen“, heißt es in dem Papier. Schwerpunkt seien Geschwindigkeitskontrollen gewesen. Dabei sank die Zahl polizeilicher Anzeigen wegen solcher Verstöße im Vergleich zum Vorjahr um fast 18 Prozent auf 528.000 Fälle. Möglicher Grund: Wegen der Sicherung des Lübecker G7-Treffens war Schleswig-Holstein nicht beim Blitzermarathon dabei.

Insgesamt hatte es 2015 in Schleswig-Holstein 85.220 Unfälle gegeben, 5621 oder 7,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Zu den Hauptunfallursachen zählen Experten neben zu schnellem Fahren und zu geringem Abstand inzwischen auch die Smartphone-Nutzung am Steuer. ADAC-Chef Becker schätzt, dass bei jedem zehnten Verkehrsunfall „Unachtsamkeit“ eine Rolle spielt. Das hieße: Jeder zehnte Unfall wäre vermeidbar. Bei 101 Verkehrstoten auf den Straßen zwischen Nord- und Ostsee im vergangenen Jahr könnten zehn Menschen vielleicht noch leben, wenn die Autofahrer sich an das Verbot der Smartphone-Nutzung gehalten hätten.

Unterschätzt wird das Problem noch immer. Experten haben errechnet: Eine Sekunde Blick aufs Display bei Tempo 100 bedeutet einen Blindflug von 30 Metern. Klar wird die tödliche Gefahr, wenn man weiß, dass der Bremsweg bei diesem Tempo – abhängig von Reaktionsgeschwindigkeit und Bremsung – bereits bei 80 bis 130 Metern liegt.  
 


Kommentar: Telefon-Wahn am Steuer - aber die Polizei hat andere Sorgen

Von Jürgen Muhl

Man mag es nicht sehen. Unvernunft im Übermaß: Mit dem Handy am Ohr wird Auto gefahren. Auf der Autobahn, auf Bundes- und Landstraßen, im Stadtverkehr. Auf dem Fahrrad sowieso. Mit zunehmender Tendenz. Und es wird nicht nur telefoniert am Steuer. Nachrichten werden auf dem Smartphone geschrieben, es wird während der Fahrt elektronisch kommuniziert, was das Zeug hält. Lkw-Fahrer erledigen ihre E-Post mit einer Selbstverständlichkeit und dem Kopf nach unten, als gehöre diese Art der Kommunikation zu den Pflichtübungen im Fern- und Schwerlastverkehr. Da überrascht es nicht, dass von Transportern verursachte Auffahrunfälle stark zunehmen. Wie auch die Zahl von Unfällen mit jungen Menschen im Fahrzeug. 

Alarmierend viele Autofahrer sind einer neuen Studie zufolge wegen Lesens und Tippens auf dem Smartphone ein ernsthaftes Verkehrsrisiko. Verkehrspsychologen stellten bei der Beobachtung von rund 12000 vorbeifahrenden Autos fest, dass 4,5 Prozent der Fahrer mit dem Mobiltelefon hantierten. Das Schreiben einer Nachricht oder das Eintippen einer Telefonnummer erhöht das Unfallrisiko um das Sechs- bis Zwölffache.

Und ausgerechnet jetzt meldet das Kraftfahrtbundesamt einen Rückgang der gemeldeten Handy-Verstöße am Steuer. 18 Prozent  weniger seit 2011. Eine Statistik, die zwar nicht lügt, aber dennoch nicht den wahren Zustand auf Deutschlands Straßen beschreibt. Ist doch die Zahl der Verkehrskontrollen der Polizei zurückgegangen. Man hat andere Arbeit zu leisten. Flüchtlinge, Demonstrationen,  Wohnungseinbrüche,  Fußballspiele mit renitenten Fans. So leidet die allgemeine Präsenz der Polizei im Straßenverkehr. 

Der Telefon-Wahn am Steuer nimmt weiter Tempo auf. Und ist nur zu stoppen, wenn sich die Polizei irgendwann einmal wieder auf ihre Kernaufgaben fokussieren kann. Appelle an die Vernunft reichen nicht. Bußgelder in Höhe von nur 60 Euro auch nicht. Eine traurige Erkenntnis.

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