Seniorenticket : Guter Absatz, aber kräftiges Minus

Bus und Bahn statt Auto: Horst Reyer (links) und Rainer Glüsing freuten sich im Frühjahr 2017 darüber, dass die Stadt Kiel das preiswerte Seniorenticket einführte.
Bus und Bahn statt Auto: Horst Reyer (links) und Rainer Glüsing freuten sich im Frühjahr 2017 darüber, dass die Stadt Kiel das preiswerte Seniorenticket einführte.

Das im Frühjahr 2017 eingeführte Seniorenticket findet in der Landeshauptstadt unterschiedliche Bewertungen. Die Kooperation von SPD, Grünen und FDP will am Projekt festhalten und plädiert für eine Ausweitung auf Landesebene.

shz.de von
29. August 2018, 19:34 Uhr



Das Seniorenticket für den Bus- und Bahnverkehr in der Landeshauptstadt hat zu einem kräftigen Anstieg bei den Jahreskarten geführt. Gleichzeitig aber verzeichnet die Kieler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) schmerzliche Einnahmeverluste. Diese Schwierigkeiten könnten nach Auffassung der Kieler Kooperation (SPD, Grüne, FDP) mit einem landesweiten Seniorenticket – das es bislang aber nicht gibt – ausgeräumt werden. Die Kooperation will deshalb am Projekt festhalten.

Als das Seniorenticket nach langer politischer Diskussion im Frühjahr 2017 für die Dauer von zwei Jahren probehalber eingeführt wurde, waren bei der KVG genau 2805 Senioren (65 Jahre und älter) mit einem Jahres-Abo registriert. Anderthalb Jahre später sind es 3277 – ein Anstieg um 17 Prozent. 1249 dieser Abonnenten fahren auf dem Seniorenticket, es ist ein Viertel günstiger als das normale Abo (gegenwärtig werden 37,44 statt 49,92 Euro gezahlt).

Politische Devise war es von vornherein, dass sich das preiswerte Seniorenticket über Mehrverkäufe finanziell selber tragen sollte. Das aber ist nur bedingt gelungen, wie eine vorläufige Bilanz von Oberbürgermeister Ulf Kämpfer auflistet. Denn es sind nicht allein die Neukunden zu berücksichtigen (680), sondern auch die „Wechsler“ (569), die den Vorteil des Seniorentickets für sich entdeckt haben. Das errechnete Defizit allein für den August liegt folglich bei knapp 15 600 Euro, seit März 2017 summieren sich die Ausfälle auf 235 600 Euro. Das ist allerdings eine theoretische Kalkulation. Denn ohne den Seniorenrabatt wäre die Zahl der Abonnenten im öffentlichen Nahverkehr wohl deutlich geringer.

Die Mehrheitskooperation im Rathaus wertet das preiswerte Seniorenticket deshalb als Erfolgsmodell. Anna-Lena Walczak als sozialpolitische Sprecherin der SPD weist darauf hin, dass das Projekt „für viele ältere Menschen den Umstieg vom Auto auf den Bus erleichtert hat. Das ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt.“

Dirk Scheelje von den Grünen erinnert an die anvisierte Mobilitätswende in der Landeshauptstadt: „Wir haben vereinbart, mehr Menschen zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel zu bewegen. Ein attraktives und preiswertes Ticketangebot ist dafür unverzichtbar.“

Ralf Meinke, sozialpolitische Sprecher der FDP, zeigt zwar Verständnis für die „misslichen Schwierigkeiten hinsichtlich der haushalterischen Abrechnung – das schmälert aber nicht den sozial- und verkehrspolitischen Erfolg des Seniorentickets.“

Die Kooperation ist sich einig: Die Schwierigkeiten könnten mit einem landesweiten Seniorenticket leicht ausgeräumt werden. „Ein Ziel des Kieler Seniorentickets besteht weiterhin darin, dass es eine Signalwirkung für das ganze Land entfaltet.“

Der Oberbürgermeister kommt zu einer anderen Bewertung. Kämpfer rechnet nicht mit spürbaren Einnahmesteigerungen. Außerdem bricht das Seniorenticket das einheitliche Tarifsystem auf. Kämpfer skizziert einen Ausweg: ein landesweites Verkehrs-Abo ohne Altersvorgabe, das erst ab 9 Uhr morgens genutzt werden kann und für Berufspendler deshalb nicht attraktiv ist. Darüber wird laut Kämpfer diskutiert, ein Datum für die Einführung steht aber noch aus.

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