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Bulgarische Jugendliche : Grundkurs Demokratie in den Ferien

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bulgarische Teenager aus Gaarden lernen in den Osterferien in der „Räucherei“, was ein Bürgermeister eigentlich so macht – und wie sie sich selbst einbringen können. Zum Beispiel, wenn zu viel Müll auf der Straße liegt.

shz.de von
erstellt am 29.Apr.2014 | 06:12 Uhr

Was macht der Oberbürgermeister in Kiel? Ab welchem Alter darf man ihn wählen? Und was kann man eigentlich gegen Betrunkene tun, die in den Park urinieren? Wenn bulgarische Jugendliche in den Ferien lernen sollen, was Demokratie ist, dann stellen sich ihnen nicht nur die unterschiedlichsten Fragen. Jan Stäcker von der Arbeiterwohlfahrt (Awo) muss ihnen die Grundlagen des deutschen politischen Systems auch flexibel, mit kreativen Methoden und mit der Hilfe von Dolmetschern näher bringen. Also haben sie mit einer Foto-Safari durch Gaarden begonnen, wo die Teilnehmer wohnen. Dabei kam heraus: Die jungen türkischsprachigen Roma stören sich an denselben Dingen wie andere. Könnten sie etwas verändern, dann verschwänden: Vermüllte Straßen. Graffiti von Hauswänden. Betrunkene im Park. Und aus der tristen Spielhalle würde eine Café-Lounge.

Sie heißen Neno und Necibe, Ahmed, Özlem oder Engin (Foto), und sie sind zwischen 13 und 17 Jahre alt – die Teilnehmer des Ferienprojekts „Talentcampus“ in der Kieler Räucherei im Stadtteil Gaarden. Vergangene Woche begann das Projekt mit dem „Demokratie-Führerschein“, wird diese Woche mit einem Kursus zum Umgang mit dem Internet sowie einem Theater-Workshop fortgesetzt. Die Awo, die Förde-Volkshochschule und das Amt für Kultur und Weiterbildung der Stadt Kiel haben es organisiert. Es ist Teil des Bundesprogramms „Kultur macht stark“, bei dem bildungsbenachteiligte Jugendliche besonders gefördert werden sollen.

Neno und die anderen zwölf Teilnehmer haben schlechte Perspektiven, das ist für Helga Jones, Leiterin der Förde-VHS, offensichtlich. „Der Großteil von ihnen lebt im Kirchenweg“. Besonders ein Haus wird immer wieder genannt, weil die Roma-Familien dort in erbärmlichen Verhältnissen leben (wir berichteten). Einige der betroffenen Jugendlichen sprechen offen darüber, dass es in dem Haus stinkt, die Tür offen steht. Dass sie in Bulgarien in einem eigenen Haus lebten, aber nach Deutschland gingen, weil es keine Arbeit mehr gibt. Andere schweigen. Er schäme sich, sagt einer später dem Dolmetscher.

Zwar gehen alle in Kiel zur Schule, doch sind sie unterschiedlich weit in ihren Deutsch-Kenntnissen. Manche leben bereits seit zwei Jahren in Kiel, andere erst wenige Monate. Die eine weiß, was ein Oberbürgermeister macht („Er ist Chef von Kiel“, sagt die 16-jährige Neno), der andere kann nicht erklären, wie alt er ist.

Aufbau einer Verwaltung, des Staates, die Bundesländer, Vokabellisten, Abschluss-Test: Das klingt nach viel Theorie. Wie Jan Stäcker den Teenagern klar macht, dass sie Möglichkeiten der Beteiligung haben? „Auf kommunaler Ebene“, sagt Stäcker. Darum hat er die Foto-Safari organisiert. Die Teilnehmer hielten Hundekot und Unrat in Hauseingängen fest – Probleme, über die sie im Gaardener Ortsbeirat berichten könnten. Engin (15) etwa wünscht sich die Daddelhalle weg und ein Café her. „Man muss sein Geld nicht in einer Spielothek ausgeben“, sagt er. „Wenn ich spazieren gehe, sehe ich, wie die Leute dort reingehen. Ich finde das nicht gut.“

Schnelle Lösung: Mit Hilfe eines PC-Programms wurden Kot, Dreck und Spielhalle auf den Fotos wegretuschiert. Die Jugendlichen, sie haben ihre kleine Welt ein bisschen schöner gemacht.

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