Glückslokal: Tauschen statt Kaufen

Zufrieden: Sascha Gysler (v.l.) und Jannes Willrodt im Glückslokal.
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Zufrieden: Sascha Gysler (v.l.) und Jannes Willrodt im Glückslokal.

Aus einer studentischen Idee im Netz, wurde ein eigener Laden in Gaarden – mit vielen Hürden: Gründer machen sich für Nachhaltigkeit stark

shz.de von
13. Juni 2014, 05:10 Uhr

Die Idee ist so einfach. Man braucht etwas nicht mehr, zum Wegwerfen ist es aber zu schade. In der Facebookgruppe „Kieler Kreisel – Schenken Tauschen Leihen“ tauschen ganze 17 000 Kieler Waren und Dienstleistungen. Vor eineinhalb Jahren hatte Jannes Willrodt die Idee beim Umzug einer Freundin. Jetzt ist das Team den Weg aus der virtuellen in die reale Welt gegangen: Im „Glückslokal“ in Kiel-Gaarden geht es längst nicht mehr nur ums Tauschen. Mit einem Strickclub, Kleider- oder Büchertauschpartys, Konzerten und Workshops zu Themen wie Do it yourself oder auch Urban Gardening im Innenhof ist vielmehr ein kultureller Raum entstanden. Möglich gemacht hat dies der Publikumspreis beim Kieler Ideenwettbewerb YooWeeDoo und das Startkapital von 1000 Euro.

So einfach wie gedacht war der Weg in die Realität aber nicht: Steuerrechtlich ist ein Laden ohne kommerziellen Anspruch, ohne Bezahlung, ein Problem. „Bei jedem Tausch wäre die Umsatzsteuer fällig geworden“, sagt Willrodt. Nun ist alles als gemeinnütziger Verein organisiert. Die Waren sind Inventar, auf das alle Mitglieder mit einem Beitrag von 3 Euro pro Monat zugreifen dürfen. Man bringt etwas und darf etwas mitnehmen. „Wir haben seit dem 1. April 100 Mitglieder bekommen“, freut Willrodt sich über den Erfolg. Doch der ist auch nötig. Der freie Raum hat seine Kosten. Die Mitgliedsbeiträge finanzieren die Miete in Höhe von 500 Euro pro Monat nur zum Teil. Spenden und die Veranstaltungen sollen den Rest bringen. Ende Juni soll entschieden werden, ob die Räume weiter zu finanzieren sind. Und damit die Idee, „dass Menschen umdenken und Interesse daran haben, kleine Communities zu bilden, in denen ein Austausch stattfinden soll, der nicht geldgesteuert und profitorientiert ist, der nachhaltig ist und darauf abzielt, Menschen näher aneinander zu bringen und sie nicht einzuteilen in arm und reich“, wie Willrodt sagt.

Bei aller Ideologie ist das Team aber keine Gruppe aus Weltverbesserern – in dem Sinne, in dem viele Leute solch einen Idealismus verstehen und vielleicht kritisieren. Willrodt weiß, dass man einen Spagat zwischen studentischer Ideologie und echter Bedürftigkeit überwinden muss. Eigentlich sollte es um Nachhaltigkeit gehen. Tauschen statt neu kaufen. Ein Ausstieg aus dem kapitalistischen System, in dem es um Wachstum geht. In den ehemaligen Räumen des „Obolus“, dem Kaufhaus für Arbeitslosengeld II-Empfänger, musste den Kunden erst einmal klar gemacht werden, dass es sich um keine mildtätige Einrichtung mehr handelt, sondern um einen Verein. Damit ist auf das „Glückslokal“ (www.glückslokal.de) eine Perspektive hinzugekommen, die nicht geplant war. „Wir standen vor der Frage: Verfolgen wir das mildtätige Konzept, oder lassen wir das weg.“ Es soll nun um eine Kombination gehen. Aber die Leute, die in den Verein eintreten, sollen das Konzept verstehen. „Da musste man sich auch mal jemanden zum Dolmetschen besorgen“, erzählt Willrodt. Mit Freunden wurden die „Spielregeln“, die anderswo Geschäftsbedingungen heißen würden, etwa ins Türkische und Arabische übersetzt.

Im „Glückslokal“ wird die Idee nun noch konsequenter umgesetzt als im Internet. Es wird darauf geachtet, dass, wer etwas holt, auch etwas bringt. Aber es ist kein direkter Tausch. Wer was bringt, darf sich bedienen. Alles ist gebraucht. Bei Facebook gibt derjenige, der etwas anzubieten hat, vor, was er dafür verlangt. Der Tausch richtet sich „gegen Verschwendung, Konsumterror und die Wegwerfgesellschaft“, so dass aus „Kapitalismus sozialer Konsum“ werde. Doch es kann auch passieren, dass man beispielsweise Katzenfutter oder Spülmittel, das als Tauschgegenstand gefordert wird, erst kaufen muss. Genau so gut könnte man Geld verlangen.

Bei aller Ideologie muss die Frustrationsschwelle ziemlich hoch sein. Man ist in der Realität angekommen. „Wenn die Leute etwas umsonst bekommen, dann ist immer jemand dabei, der es versucht, auszunutzen.“ Das sollen die „Spielregeln“ unterbinden. Die studentische Idee trifft in Gaarden auf echte prekäre Verhältnisse. Gerade bei den Leuten, die nicht viele finanzielle Möglichkeiten haben, hat Besitz einen besonders hohen Stellenwert, hat Willrodt erkannt. „Bei ganz vielen ist das wirtschaftliche Denken so im Kopf festgesetzt, dass sie nicht wirklich verstehen – dass etwas ohne einen konkreten Gegenwert funktioniert.“

Und was hat das alles mit Glück zu tun? Zum einen sei es das Glück, etwas zu finden, was für einen anderen nutzlos ist, für einen selber aber richtig toll, sagt Willrodt. „Zum anderen ist es das Glück, in einem Raum einfach etwas machen zu können. Es geht um die kleinen Sachen, die das Leben lebenswert machen“, schmunzelt Willrodt über seine Binsenweisheit. Ernst sagt er: „Geld ist nie das Endprodukt“.

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