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Forschung : Gibt es bald Algen-Energie aus Kiel?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Staatssektretär Ralph Müller-Beck macht sich für die Ansiedlung von maritimer Wirtschaft auf dem MFG-5-Gelände stark. Künftig werden hier der Einsatz von Bioalgen als energiebringende Biomasse, ihre Zucht und die Weiterverarbeitung erforscht.

Es ist einmalig, grün und zukunftsweisend: Ab April soll eine kleine Forschungsplattform mit Bio-Reaktoren auf der Algenfarm in der Kieler Förde verankert werden. Das Ziel: Die Zucht, die Ernte und Verarbeitung von Mikroalgen auf dem Meer erforschen, optimieren und bestenfalls marktreif machen – das alles geschieht in einer eigens dafür konstruierten Pilotanlage, die weltweit einmalig ist.

Dass Mikroalgen gerade für Energiegewinnung, aber auch für hochwertige Kosmetikprodukte, Nahrungsergänzungsmittel oder Medikamente interessant sind, ist den Projektpartnern Tim Staufenberger, bekannt für seine Muschel- und Algenfarm, Professor Rüdiger Schulz von der Christian-Albrechts-Universität und Dr. Karsten Pankratz von Sea & Sun Technology als Wirtschaftspartner bereits bekannt. In dem gestern offiziell gestarteten und vom Land mit 450 000 Euro geförderten Projekt geht es die nächsten zwei Jahre darum, die Bio-Algenproduktion im Meer so weiterzuentwickeln, dass sie wirtschaftlich wird. Technologie-Staatssekretär Ralph Müller-Beck: „Wir müssen über das Morgen nachdenken, welche Chancen gibt es, direkt vor unserer Haustür für alternative Energiegewinnung. Wir stecken große Hoffnungen in das Projekt.“

Die Idee, Mikroalgen im Meer zu kultivieren, hatten die Japaner in den 90er Jahren, wie Professor Schulz berichtet. Dennoch gebe es derzeit weltweit nur eine große Farm, die im Tonnenbereich ernte. „Wir wollen jetzt, nach all der Erfahrung, die wir an Land in Gewächshäusern gesammelt haben, wissen, wie es unter Realbedingungen im Meer ist.“ Von den insgesamt etwa 100 000 Mikroalgenarten sind erst rund 10 000 näher beschrieben und erforscht – auch hieran waren Kieler Forscher beteiligt. Von diesen kommen für das Projekt aber auch nur 20 in Frage, weil sie besonders attraktive Inhaltsstoffe haben und gut und schnell wachsen. Schulz: „Aus einer Mikroalge können Stoffe für zwei bis drei Produkte entstehen. So haben einige einen Trockenfettgehalt von über 70 Prozent. Das schafft nicht mal eine Rapspflanze oder ein Rapssamen.“ Die Fettsäure könnte als Ersatz für das Fischmehl im Garnelenfutter dienen, auch das wird direkt vor der Haustür mit einer Bülcker Firma erforscht. Außerdem eigne sich die Mikroalge für Algen-Diesel oder -Kerosin und die Reste können zur Energiegewinnung in die Biogasanlage gegeben werden, wo sie das Drei- bis Fünfache an Energie verglichen zum Mais liefern.

Doch wie funktioniert die Pilotanlage? In speziell angefertigten Kunststoffbehältern und Röhren werden vorgezogene reine Mikroalgenkulturen in Ostseewasser gegeben und fest verschlossen. Durch die Nährstoffe im Wasser und Licht vermehren sich die Algen. Die Wellenbewegungen der Förde, bestärkt durch vorbeifahrende Schiffe, sorgt für eine natürliche Umwälzung innerhalb der geschlossenen kleinen Systeme. Ist die Konzentration hoch genug, kann mit einer ebenfalls selbstentwickelten, umweltfreundlichen Absauganlage vor Ort geerntet und dann weiterverarbeitet werden. Erweist sich der Reaktor als System erfolgreich, könnte er beispielsweise solarbetrieben auf Seen im Land eingesetzt werden, um aus einer unerfreulichen Algenplage für Badegäste langfristig Energie und andere Endprodukte zu gewinnen. Ebenfalls erforscht wird die Wasserstoffgewinnung aus Algenstämmen. Dies, so Schulz, ist verglichen mit all den anderen Endprodukten aber erst noch auf Reagenzglasniveau im Labor der Fall.

Ralph Müller-Beck nutzte die Chance, der Stadt noch eine Empfehlung ans Herz zu legen: „Keine Stadt in Schleswig-Holstein hat so ein Potenzial an Entwicklung von Gewerbeflächen wie Kiel mit dem MFG-5-Gelände. Ich denke, sie wäre gut beraten, wenn sie hier maritimer Wirtschaft wie der Aquakultur den Vortritt gibt. Das verspricht langfristig mehr Wertschöpfung als Wohn- und Gartenbauprojekte auf dem Gebiet.“

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erstellt am 21.Sep.2014 | 06:50 Uhr

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