Architektur in der Innenstadt : Gestaltung mit Klötzchen

Klötzchenbau mit Schlitzfenstern: Haus und Grund vermisst auch an der Alten Feuerwache den Willen zur Gestaltung.
Klötzchenbau mit Schlitzfenstern: Haus und Grund vermisst auch an der Alten Feuerwache den Willen zur Gestaltung.

Haus & Grund lässt kein gutes Haar am Erscheinungsbild des Wohnungsbaus in der Kieler Innenstadt. Der Verband zieht Verbindung von den „Arbeiterschließfächern“ in der DDR zur heutigen „Investorenarchitektur“ – er vermisst den entschlossenen Willen zur Gestaltung.

shz.de von
23. Juli 2018, 18:33 Uhr

Lange hat der Eigentümerverband Haus und Grund geschwiegen, doch jetzt platzte den Verantwortlichen, die rund 60 000 Hausbesitzer im Norden vertreten, angesichts der Bautätigkeit in Kiel der Kragen. „Wir müssen die Stadtzerstörung stoppen“, heißt es in der Juli-Ausgabe der Verbandszeitung. Statt jahrhundertelang bewährter „Blockrandbebauung mit unterschiedlichen Fassadentypologien“ setze die Stadtverwaltung auf „Klötzchen in Investorenarchitektur inklusive Schlitzfenster“. Über Bord geworfen werde alles, was unsere Städte lebenswert mache, kritisiert Verbandschef Alexander Blazek.

Stein des Anstoßes sind für ihn die Neubauten auf dem Quartier der Alten Feuerwache und im Schlossquartier – beide befinden sich in bester Innenstadtlage. Aber auch die Hotelbauten an der Kaistraße und die geplante „Investorenarchitektur“ an der Hörn stoßen auf Ablehnung. „Der Plattenbau aus DDR-Zeiten wurde spöttisch ,Arbeiterschließfächer‘ genannt. Was jetzt in hochpreisigen Innenstadtlagen entsteht, ist oft nicht viel anderes. Nur nicht für Arbeiter, sondern für Besserverdienende“, heißt es im Verbandsblatt von Haus und Grund, das in einer Auflage von knapp 70 000 Exemplaren landesweit verteilt wird. Redaktionschef Volker Sindt kann sich nach eigenen Angaben kaum retten vor Anfragen. Selbst aus Flensburg und Eckernförde werden Sonderdrucke angefordert.

Sindt vermutet, die Ursache dafür, dass „Urbanität und Stadtbild“ unter die Räder geraten, liege in den Rathäusern. Die ursprüngliche Parzellenbebauung, angepasst an kleinteilige Grundstücksgrenzen, sei abgelöst worden „durch die für die Bauverwaltung bequeme Kompaktvergabe ganzer Baufelder“. Früher habe eben jede Fassade anders ausgesehen, weil dahinter stets verschiedene Bauherren standen. Wand an Wand reihen sich die Gebäude in einem Karree entlang der Straßen aneinander – innendrin große freie Höfe.

Gezahlt werde für die Klötzchen-Bauten von den gutbetuchten Käufern heute nahezu jeder Preis. „Doch urbanes Leben ist käuflich nicht zu erwerben“ warnt Alexander Blazek. „Was wir brauchen, ist ein entschlossener Wille zu Gestaltung und Qualität, damit wieder Wohnungen, Häuser, Straßenzüge und ganze Quartiere in Vielfalt und Qualität entstehen.“ Die heutige Wohnungsnot sei keine akzeptable Ausrede. Der Zustrom in die Städte sei damals wesentlich stärker gewesen, als er’s heute ist.

Kiels Baudezernentin Doris Grondke sagte gestern: „Die Debatte über zeitgemäße Baukultur ist gut und wichtig.“ Es gehe um mehr als reine Äußerlichkeiten. Ihr Ziel sei es, „in Kiel ein Zentrum für Baukultur zu etablieren. Es soll ein Forum für die Diskussion werden und allen Akteuren und der Bevölkerung offenstehen.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen