Kieler Besonderheiten : Geschichten zur Geschichte

Hinter dem Grün ragt die Werft auf: Manuela Junghölter erklärt die Stadt.
Hinter dem Grün ragt die Werft auf: Manuela Junghölter erklärt die Stadt.

Als Stadtführerin mit Herz und Seele zeigt Manuela Junghölter ihren Gäste die Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatstadt. Davon gibt es eigentlich reichlich – nur verstecken sie sich oft. Dabei hätte Kiel allen Grund, seine Bescheidenheit abzulegen.

shz.de von
20. Juli 2018, 17:40 Uhr

„Ich bin eine echte Kieler Sprotte“, sagt Manuela Junghölter und lacht. Die 58-Jährige ist Stadtführerin mit Herz und Seele. Seit 16 Jahren führt sie Touristen und Einheimische zu den geschichtsträchtigen Orten in der Landeshauptstadt – einer Stadt im Wandel.

Manuela Junghölter könnte stundenlang Geschichten über die Geschichte ihrer Stadt erzählen: von den Anfängen um Stadtgründer Graf Adolf IV. zu Schauenburg, über die Zeit der kaiserlichen Marine, als die Stadt explosionsartig wuchs, über die schweren Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg bis hin zur Planung der ersten deutschen Fußgängerzone und der heutigen Bedeutung der Kreuzfahrtschiffe, die im Kieler Hafen festmachen. Manuela Junghölter kennt sich aus, die Frau mit der herzlichen Art ist ein wandelnder Stadtführer.

Dabei war ihr Interesse für Kiel nicht immer so groß, jahrelang hat sie ihrer Heimatstadt den Rücken gekehrt. „Nach dem Abitur ging’s zum Studieren nach Marburg“, erzählt sie. Klassische Archäologie, Anglistik und Kunstgeschichte sind ihre Fächer. Danach gründete sie mit ihrem Mann eine Familie. „Wir haben in Frankfurt und in Bonn gelebt, damals sind nur in den Ferien nach Kiel gefahren.“ Schließlich leben ihre Eltern hier.

1999 kehrte die Familie an die Förde zurück. „Ich bin durch meine Stadt gegangen und wusste gar nichts über die Geschichte“, erinnert sich Manuela Junghölter. Ein Angebot der Volkshochschule ändert das: „Dort wurde ein Stadtführer-Kurs angeboten – mit Prüfung.“ Für die heute 58-Jährige war es „eine schöne Art, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen.“ Seither begleitet sie Touristen und Einheimische auf der Entdeckungstour durch die Stadt. „Die Sehenswürdigkeiten erschließen sich nicht auf den ersten Blick – man muss sie sich schon erarbeiten.“

Es gibt viele interessante Orte, zu denen Manuela Junghölter und ihre 23 Kollegen die Menschen führen. Im Sommer leitet das Urgestein bis zu drei Touren am Tag. Im Winter „kommen oft nur eine Handvoll Leute“ – dann nutzt sie die Zeit, um mit ihren Kollegen neue Angebote auszuarbeiten. So gibt es etwa eine Baustellenführung, die die gewaltigen Veränderungen in der Kieler Innenstadt aufzeigt. Hier werden Hunderte von Euro-Millionen verbuddelt und verbaut. „Die Stadt ist im Wandel“, sagt Manuela Junghölter, die auch schon ein Buch zur Stadtgeschichte veröffentlicht hat. „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht.“

Natürlich widmet sich zum Jubiläum 100 Jahre Matrosenaufstand eine Stadtführung auch genau diesem Thema. „Das war eine Initialzündung für die Veränderung der Gesellschaft, die von Kiel ausging“, erklärt die Stadtführerin. Mit solchen Geschichten halte das bescheidene Kiel oftmals hinter dem Berg. „Ich wünsche der Stadt manchmal mehr Selbstbewusstsein.“

Wer sich zwei Stunden Zeit nimmt, bekommt in kleinen Häppchen einen Überblick – und eigentlich auch den wunderschönen Ausblick vom Rathausturm. „Allerdings wird der 106 Meter hohe Turm gerade saniert.“ Auch ein Stopp am Sandhafen an der Kiellinie gehört zu ihrem Programm: „Mit 85 Tonnen Sand haben wir einen Strand in der Stadt.“ Eine „tolle Idee“ zweier junger Wirtschaftsingenieure, findet Manuela Junghölter.

Und sie führt Touristen zu dem kleinen Pavillon im Schlossgarten. „Das ist mein absoluter Lieblingsplatz“, sagt sie über den geschichtsträchtigen Ort, an dem einst Gebäude der Universität standen und der vor ein paar Jahren noch ein matschiger Parkplatz war. Hier sitzt Manuela Junghölter, genießt die Ruhe und den Ausblick, wenn die Fähren durch das Grün der Bäume blitzen: „Das ist für mich Kiel.“

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