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Geheimnisvolle Tiere aus der Tiefsee

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seltene Lebewesen, der Geruch fauler Eier und Explosionsrisiko im Kieler Geomar: Meeresbiologen halten Muschel-Art erstmals im Labor-Aquarium

Sie erinnern an Miesmuscheln. Der Unterschied: Die artverwandten, gelb-rot-braun gefärbten Meerestiere stammen aus einer Tiefe von bis zu 3000 Metern. Dort unten, in nahezu völliger Dunkelheit, existieren die Muscheln der Art Bathymodiolus azoricus an „Kalten Quellen“ oder an Thermalquellen, auch bekannt als „Schwarze Raucher“, an denen bis zu 400 Grad Celsius heißes Wasser aus dem Meeresboden schießt. Leben unter extremen Bedingungen, das noch weitgehend unerforscht ist. Darum sind Kieler Meersforscher auch so stolz, dass es ihnen jetzt gelungen ist, diese lichtscheuen Lebewesen unter Laborbedingungen im Aquarium zu halten – als einem von drei Instituten weltweit. Die Meeresbiologen wollen herausfinden, wie sich die Tiere verbreiten.

Die Ökosysteme der Tiefsee geben noch viele Rätsel auf. Sie zu untersuchen ist schon aufgrund des hohen technischen Aufwandes schwer – und zusätzlich, weil sich die rätselhaften Meeresbewohner nur mit viel Aufwand unter kontrollierten Bedingungen kultivieren lassen. Doch die junge Geomar-Biologin Corinna Breusing (25) hat es geschafft. Sie untersucht deren Fortpflanzung und Verbreitungsmöglichkeiten, schreibt am Helmholtzzentrum für Ozeanforschung ihre Doktorarbeit darüber. „Ohne die Möglichkeit, die Muscheln unter kontrollierten Bedingungen zu beobachten, wäre das kaum möglich “, sagt Breusing. Und das Experiment scheint zu glücken: Die Muscheln klettern die Wände des Aquariums hoch. „Sie sind aktiv, filtrieren sichtbar das Wasser. Es scheint ihnen bei uns also gut zu gehen“, sagt Dr. Claas Hiebenthal (37) von Geomar, der das Projekt mit koordiniert.

Die 25 Forschungsobjekte, die sich mit einem Fuß ähnlich dem einer Schnecke über Meeresboden oder Aquariumwand bewegen, überleben jetzt bereits seit einem guten halben Jahr außerhalb ihres natürlichen Lebensraums. Nur ein Tier ist kurz nach der Reise aus dem Ozean verendet, vermutlich wegen einer Verletzung. Denn die Tierchen lagen 850 Meter tief auf Steinen. Während einer Ausfahrt eines französischen Forschungsschiffs waren sie im vergangenen Sommer per Tiefseeroboter von einem sogenannten hydrothermalen Schlot in der Nähe der Azoren im Atlantik gesammelt worden.

Und das Halten der sensiblen Tiere hat es in sich. Um die Muscheln und bestimmte Bakterien, mit denen diese in einer Symbiose leben, ausreichend mit dem für sie lebenswichtigen Schwefelwasserstoff und Methan zu versorgen, haben die Kieler Forscher eine ständige „Fütterung“ installiert. Es geht dabei neben einzelligen Meeresalgen um ein Luft-Methangemisch – Stoffe, die auch im Meereswasser in der Tiefe enthalten sind. Das birgt jedoch auch Risiken für die Kieler Forscher. Der Geruch nach faulen Eiern, der im Keller-Labor auffällt, ist ein Hinweis darauf. „Da sowohl Schwefelwasserstoff als auch Methan in entsprechenden Konzentrationen giftig und brennbar sind, mussten einige Sicherheitsaspekte bedacht werden“, erläutert Dr. Claas Hiebenthal. Würde die Konzentration des geruchlosen Methan in der Luft auf 20 Prozent ansteigen, bestünde Explosionsgefahr. „Bei uns liegt sie aber bei unter einem Prozent, und die Raumluft wird über Warnanlagen ständig überwacht“, erklärt Hiebenthal. Einen weiteren Umweltfaktor der Tiefsee mussten die Wissenschaftler indes nicht simulieren: Bathymodiolus-Muscheln können sich an Atmosphärendruck anpassen, so dass keine Verwendung von Druckkammern notwendig ist.

Einen ersten großen Erfolg konnten die Kieler Forscher bereits verbuchen: Kürzlich ist es gelungen, einzelne Muscheln mithilfe von Hormoninjektionen kontrolliert zum Ablaichen zu bringen. „Das ist bei dieser Art vorher noch niemandem gelungen“, berichtet Biologin Breusing begeistert. Sie will die Larven der Tiere nun großziehen, um Schwimmverhalten und Temperaturtoleranzen zu bestimmen. Damit betritt sie wissenschaftliches Neuland.

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erstellt am 12.Feb.2014 | 06:24 Uhr

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