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Gedenkstele für Kieler Gewaltopfer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit einer großen Feier soll an Ulrich Becker gedacht werden / Seine Frau ist dankbar für alle Unterstützung / Stein soll Mahnmal sein

shz.de von
erstellt am 17.Mai.2014 | 05:07 Uhr

„Warum tobt sich jemand an zwei Menschen so aus?“ Diese Frage bleibt für Annamarie Becker auch ein Jahr nach der schrecklichen Tat ungeklärt. Ulrich Becker (72) starb, weil er seine Tochter gegenüber eines mehrfach vorbestraften Gewalttäters beschützen wollte (wir berichteten).

Was war geschehen? Annamarie Becker erinnert sich zurück. Heute Vormittag, genau vor einem Jahr ist es passiert: „Mein Mann war mit meiner Tochter unterwegs, er wollte ihr beim Reifenwechseln helfen“, erzählt sie. Es gab eine Engstelle im Heikendorfer Weg, wegen einer Baustelle musste ihre Tochter Melanie halten, wohl auch zurücksetzen, wie später im Prozess thematisiert wurde. Sascha Z. (30), bekannter Gewalttäter, klopfte plötzlich heftig auf ihr Auto, brüllte und pöbelte. Sein Vorwurf: Sie habe seinen Hund fast angefahren. Vor Gericht stellt sich jedoch heraus: „Der war längst bei seiner Freundin, auf der anderen Straßenseite.“ Als ihre Tochter ausstieg, bekam sie die Faust ins Gesicht, sackte Sekunden später blutverschmiert und ohnmächtig zusammen. Ihr Vater Ulrich Becker wollte ihr helfen. „Auch er hatte sofort eine Faust im Gesicht, ist auf den Boden gesackt und dann hat er noch Anlauf genommen, wie beim Fußballspielen, hat ein Zeuge gesagt, und ihn unters Kinn getreten. Er hatte keine Chance. Richtig ausgetobt hat er sich an den beiden.“ Ulrich Becker erlitt einen sieben mal acht Zentimeter großen Riss am Hinterkopf. Die Schädelfraktur, etliche Prellungen und Blutungen führten wenige Tage später zum Tod. Über die schrecklichen Geschehnisse reden, das fällt Annamarie Becker sichtlich schwer. „Es haben so viele gesehen und zugeguckt, keiner hat geholfen.“ Das ist für die Witwe ebenso unfassbar, wie die Tat selbst. Sascha Z. wurde zu neun Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.

Damit so etwas nie wieder passiert, die Menschen sich zurück auf die Zivilcourage besinnen und aufeinander achten, organisiert der Rat für Kriminalitätsverhütung (RfK) Schwentinemündung am 24. Mai ab 14 Uhr eine große Gedenkfeier für Ulrich Becker. Unter dem Motto „Gewalt, nein Danke, Zivilcourage, ja bitte!“ sind alle eingeladen, an der Veranstaltung auf dem Sokratesplatz teilzunehmen. Oberbürgermeister Ulf Kämpfer wird ebenso sprechen wie Propst Thomas Lienau-Becker, der auch schon bei der Trauerfeier eine Rede hielt. Der Kinderchor der Grundschule Suchsdorf wird mit 40 kleinen Sängern, geleitet von Hanne Pries (bekannt als „Tiffany“-Sängerin), Lieder zum Thema Freundschaft und Zusammenhalt singen. Dann werden 1000 Wünsche von Kindern und Bürgern zum Thema an Herzluftballons gebunden und in die Luft gelassen. Die Gedenkstele, die am Heikendorfer Weg 56 an die Tat erinnern soll, wird im Anschluss daran enthüllt. Darauf ist das sehnlichste Anliegen der Hinterbliebenen zu lesen, getextet von Beckers Sohn: „Dem Mensch obliegt es zu helfen und nicht zuzusehen, wenn anderen Leid widerfährt. Sei menschlich, indem du Mut und Hilfsbereitschaft zeigst und nicht wegschaust, denn auch du wirst irgendwann einmal Hilfe benötigen.“

Die Familie will an der Gedenkfeier teilnehmen – wenn sie es schafft. Zu frisch der Verlust, zu tief der Schmerz. „Meine Tochter sagt immer nur: ‚Mama, ich begreife das nicht. Ich konnte ihm gar nicht helfen‘“, erzählt Annamarie Becker. Beide werden psychologisch betreut. Die Stele konfrontiert die Familie bald täglich mit der grausamen Gewalttat. Aber Annamarie Becker ist dankbar für alle Unterstützung, Spenden und Helfer, die Stele und Gedenkfeier überhaupt erst ermöglichen: „Sie soll als Mahnmal dienen, damit so etwas nie wieder passiert.“ Sie selbst meidet den Ort, nimmt seit der Tat Umwege in Kauf, um nicht an der Stelle vorbei zu müssen, an der ihr der Mann genommen wurde.

Angela Ramm, Vorsitzende des RfK Schwentinemündung, dankt allen Unterstützern: „Ich bin überall offene Türen eingerannt.“ Und: „Es soll nicht die einzige Aktion bleiben, wir werden uns auch mit zukünftigen Projekten für Gewaltfreiheit und Zivilcourage einsetzen.“ Die Toni-Jensen-Schule spendete spontan 600 Euro, der Asta der Fachhochschule 1000 Euro, zahlreiche Privatpersonen und Kieler Banken finanzieren die rund 6000 Euro teure Feier inklusive Gedenkstein.


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