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Untersuchungsausschuss Kieler Landtag : „Friesenhof“-Heime: Bewohnerin spricht von „unhaltbaren Zuständen“

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Zum ersten Mal sollen einstige Bewohnerinnen aussagen und Aufschluss über die Zustände in den Einrichtungen geben.

shz.de von
erstellt am 18.Apr.2016 | 12:10 Uhr

Kiel | Erstmal reden die Bewohnerinnen: Eine frühere Bewohnerin der mittlerweile geschlossenen „Friesenhof“-Mädchenheime hat von unhaltbaren Zuständen im Camp „Nana“ gesprochen. Sie schilderte am Montag vor dem Untersuchungsausschuss des Kieler Landtags, wie Briefe wegen unliebsamen Inhalts nicht abgeschickt oder Sport als Strafe angeordnet wurde. Auch habe es mehrstündige Strafsitzungen wegen Diebstahls von Süßigkeiten gegeben.

Sie selbst sei zudem auch eine Woche lang von den anderen Mädchen isoliert worden, weil sie gegen das System aufbegehrt habe. Die Möglichkeit, sich etwa beim zuständigen Jugendamt oder der Heimaufsicht zu beschweren, habe es nicht gegeben.

Der Untersuchungsausschuss des Kieler Landtags zur Aufklärung von Missständen in ehemaligen „Friesenhof“-Mädchenheimen hat am Montag erstmals ehemalige Bewohnerinnen befragt. Sie sollen weiteren Aufschluss über die Zustände an den mittlerweile geschlossenen Einrichtungen in Dithmarschen geben.

Der Ausschuss wollte nach Angaben seiner Vorsitzenden Barbara Ostmeier (CDU) die Situation für die Zeuginnen so wenig belastend wie möglich gestalten. Deshalb seien zunächst auch nur solche jungen Frauen geladen worden, die sich bereits öffentlich zu ihren Aufenthalten in den Heimen geäußert haben. Die Heime waren nach massiven Vorwürfen unter anderem wegen unzureichenden Fachpersonals geschlossen worden.

Was ist der Friesenhof?

Genau genommen gibt es nicht einen Friesenhof, sondern drei Friesenhof-Heime. Dabei handelte es sich um Einrichtungen der Jugendhilfe in Wesselburenerkoog, Wrohm und Hedwigenkoog im Kreis Dithmarschen. Dort wurden seit 1999 Mädchen und junge Frauen mit schweren psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten betreut. Die jüngste Bewohnerin war erst zwölf Jahre alt, wie die für die Heimaufsicht im Sozialministerium zuständige Bereichsleiterin Sabine Toffolo kürzlich sagte. Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung beschäftigt nach Angaben des vorläufigen Insolvenzverwalters, des Hamburger Rechtsanwalts Christian Heim, 52 Mitarbeiter. 26 Mädchen wurden betreut, als die Vowürfe laut wurden. Die Heime wurden inzwischen geschlossen.

Wann und warum wurden die Heime geschlossen?

Wegen unzureichenden Fachpersonals und inakzeptabler pädagogischer Methoden ließ das Landesjugendamt zwei Einrichtungen des Friesenhofs am 4. Juni schließen.Die Heimbetreiberin musste inzwischen einen Insolvenzantrag stellen. Am 17. Juni teilte das Jugendamt mit, dass die umstrittene Einrichtung alle Heime schließt und auch den Betrieb von Wohneinrichtungen komplett einstellt.

Was soll dort vorgefallen sein?

Laut einem Schreiben des Landesjugendamts Schleswig-Holstein (LJA), das der Linken in Hamburg vorliegt, mussten sich Bewohnerinnen bis in die jüngste Zeit hinein „vor dem fast ausschließlich männlichen Personal nackt ausziehen, ihre persönliche Bekleidung abgeben, wurden teilweise gegen ihren Willen fotografiert oder gefilmt“. Dokumente geben bestürzende Einblicke in die Arbeit der Mädchenheime. Hier können Sie sie im Original lesen.

Fenstergriffe seien abmontiert und Kollektivstrafen verhängt, Briefe geöffnet und zurückgehalten sowie ungestörte Telefonate mit Erziehungsberechtigten verweigert worden. Diese Informationen stammen von ehemaligen Mitarbeitern, die sich beim Jugendamt darüber beschwert hatten, dass Erziehungsmethoden angewendet werden, „die geeignet sind, das Kindeswohl zu gefährden“.

Im Sommer 2015 wurde außerdem bekannt, dass ein Betreuer ein sexuelles Verhältnis mit einem minderjährigen Mädchen gehabt haben soll. Das Sozialministerium teilte dies mit, wobei es selbst bereits Mitte Januar darüber informiert worden war. Das genaue Alter des Mädchens wollte ein Ministeriumssprecher aus Datenschutzgründen nicht nennen. Über die pädagogische Funktion des inzwischen gekündigten Mitarbeiters konnte der Sprecher keine Angaben machen.

Was sagen ehemalige Bewohnerinnen?

Ihr Wille sei „systematisch gebrochen“ worden, berichtete eine ehemalige Bewohnerin auf zeit.de. Ein knappes Jahr lebte die heute 20-Jährige demnach in den Heimen. Warum sie im Friesenhof landete? Aus Schulangst sei sie nicht mehr zum Unterricht gegangen, ihren Eltern entglitten und schließlich vom Jugendamt ins Heim geschickt worden. Sie berichtet von Schikanen, die sie über sich hat ergehen lassen müssen: Trotz gebrochenen Arms sei sie zu Putzdienst, als Vegetarierin zum Fleischessen gezwungen worden.

Ein Mädchen, das von 2011 bis 2012 Bewohnerin war, vertraute sich Hamburgs Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus an und sprach von den „schlimmsten neun Monaten ihres Lebens“. Die 20-Jährige, die heute in Lüneburg lebt, berichtet, es sei an der Tagesordnung gewesen, dass sich die Mädchen unter Androhung von Strafsport nackt ausziehen mussten. „Es gab mehrere Betreuer, die Spaß daran hatten.“ Ihnen sei gesagt worden: „Wir brechen euren Willen. Wehe, ihr verliert auch nur ein Wort darüber – wir können alles nach außen pädagogisch begründen, egal, was ihr erzählt.“

„Friesenhof“-Leiterin Barbara Janssen widerspricht den Anschuldigungen. „Niemals musste sich ein Kind nackt ausziehen“, sagte sie. Auch von Putzdienst mit gebrochenen Arm sei ihr nichts bekannt.

Im Internet berichteten auch andere ehemalige Bewohnerinnen über ihre Erlebnisse. So schrieb Laura: „Ich war selbst vor einiger Zeit in dieser Einrichtung und kann bestätigen, dass wir uns bei der Ankunft im sogenannten Mädchencamp Nanna komplett ausziehen mussten, damit unsere Sachen und wir durchsucht werden konnten. Außerdem mussten wir ... unsere Klamotten abgeben und bekamen Einheitskleidung mit der Aufschrift Kinder- und Jugendhilfe Barbara Janssen. So mussten wir sogar in das öffentliche Fitnesscenter. Unter anderem auf Grund solcher Handlungen haben viele Betreuer diese Einrichtung verlassen.“

 
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