Frauenhaus Kiel : Freies Wohnen ohne Prügel

Die Bewohnerinnen leben in Sicherheit: (von links) Anja Binna, Verena Heimann, Aminata Touré und Maike Schiemann würden die Zahl der Plätze im Frauenhaus gerne verdoppeln.
Die Bewohnerinnen leben in Sicherheit: (von links) Anja Binna, Verena Heimann, Aminata Touré und Maike Schiemann würden die Zahl der Plätze im Frauenhaus gerne verdoppeln.

Das Frauenhaus in der Landeshauptstadt soll vergrößert werden. Für die Baukosten kommt das landesweite Impuls-Projekt auf – doch die Frage der Betriebskosten ist noch ungeklärt. Die Zeit drängt. Zurzeit müssen Betroffene an Nachbarstädte verwiesen werden.

shz.de von
10. September 2018, 19:21 Uhr

Am liebsten wäre es Anja Binna und Maike Schiemann, wenn ihre Betreuungsarbeit überhaupt nicht mehr benötigt wird. Wenn die Gewalt überwunden wird und Frauenhäuser überflüssig werden. Doch solange immer noch Frauen vor prügelnden Freunden und Ehemännern fliehen müssen, stehen ihnen die beiden Mitarbeiterinnen des Kieler Frauenhauses mit Rat und Tat zur Seite. Der Bedarf ist so groß, dass die gegenwärtig vorhandenen 26 Plätze leicht doppelt belegt werden könnten. Eine Erweiterung ist deshalb dringend erwünscht – und Geld für den Anbau wäre sogar vorhanden.

Die Jamaika-Koalition hat auf Landesebene ein Impuls-Programm für die Frauenhäuser aufgelegt. Sechs Millionen Euro stehen für Sanierung der Frauenhäuser, für An- und Neubauten zur Verfügung. Auch die Kongo-Koalition in der Stadt Kiel hat sich die Verbesserung der Ausstattung im Frauenhaus auf die Fahnen geschrieben. Die Ratsversammlung hatte bereits eine entsprechende Resolution gefasst, jetzt prüft die Verwaltung die praktischen Schritte zur Umsetzung.

Denn allein mit dem bezahlten Neubau ist es nicht getan. Es geht auch und ganz besonders um die Folgekosten. Mit 300 000 bis 350 000 Euro jährlich schlägt der Betrieb bislang zu Buche. Und mit dieser Summe müsste dann auch beim Neubau kalkuliert werden. Der Bedarf ist auf jeden Fall vorhanden. Für eine Stadt wie Kiel wären 50 bis 60 Plätze angeraten, wie Erfahrungswerte zeigen. Zurzeit müssen hilfesuchende Frauen oft an andere Orte verwiesen werden.

Das erfuhr die Grünen-Landtagsabgeordnete Aminata Touré, Sprecherin für Frauen und Gleichstellung, als sie gestern im Kieler Frauenhaus vorbeischaute. Gemeinsam mit ihrer Parteifreundin und Kieler Ratsfrau Verena Heimann ließ sie sich die schwierige Situation in Kiel erklären.

Keine Frage: Es hat sich für die Betroffenen einiges zum Besseren gewendet. Polizeibeamte, von geschlagenen Frauen (oder besorgten Nachbarn) zu Hilfe gerufen werden, stehen dem Problem sensibler als früher gegenüber. Und das gesetzliche Mittel der „Wegweisung“ hilft ebenfalls, den gewalttätigen Ehemann auf Abstand zu halten. Doch wer sich an Leib und Leben bedroht fühlt, sucht dringend eine neue Bleibe – wo frau sich wirklich sicher fühlen kann. „Gewalt kann Frauen aus jeder Schicht treffen. Oft besitzen die Frauen dann kein soziales Netz, das sie auffängt“, wissen Anja Binna und Maike Schiemann. Sie wollen „Druck aufbauen“ – damit es mit den neuen Plätzen im Kieler Frauenhaus zügig vorangeht.

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