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Kieler Gefangene : Frei – Weihnachten zu Hause

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zwei Gefangene, die dank Weihnachtsamnestie früher aus der Haft entlassen wurden, erzählen vom Knastalltag und Zukunftswünschen.

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2013 | 06:46 Uhr

Vorbei die Zeit der weiß-blau karierten Kopfkissen. Vorbei die Zeit der Gemeinschaftsunterkunft, vorbei die Zeit im Gefängnis. Für Martin und Paul* (Namen geändert) ging die Tür in die Freiheit pünktlich zum Weihnachtsfest auf. Ihr Ziel: „Auf jeden Fall das Leben in den Griff kriegen.“

Martin (24) hat den Strafbefehl zur Kieler Woche bekommen: „Für meine Mutter war das ein Schock.“ Er hatte vor drei Jahren Autos geklaut, ist gezielt mit zwei anderen „Kollegen“ in Werkstätten eingestiegen und hat mitgenommen was ging. Sein Glück: „Ich bin das Auto nicht gefahren, sondern war nur dabei.“ Der, der gefahren ist, habe sechs Jahre bekommen – auch wegen anderen Sachen – und sitze noch in Neumünster. Damals nahm Martin noch Drogen. Die Autos sollten zu Geld werden, das wiederum für den Konsum „draufging“. „Aber seitdem meine kleine Tochter auf der Welt ist, hab’ ich aufgehört“, erzählt Martin. Sie ist heute ein Jahr und drei Monate. Sechs Monate dieser Zeit hat ihr Vater nur ausschnittsweise mitbekommen. Wie war der Abschied, als es ins Gefängnis ging? „Sehr emotional. Ich dachte, dass ist eine wahnsinnig lange Zeit. Aber rückblickend verging es wirklich schnell.“

Nach acht Tagen im geschlossenen Vollzug ist Martin in den offenen Vollzug gekommen. Gitterstäbe und Einzelzelle wurden gegen Dreibett-Zimmer, tägliche Arbeit und eigene Freizeit getauscht. Wolfgang Ruser, Justizvollzugsbeamter im offenen Vollzug, erklärt den wesentlichen Unterschied: „Im geschlossenen Vollzug sind sie eingesperrt, hier spielt sich das Leben eher draußen ab.“

Um in den offenen Vollzug zu kommen, müssen sich die Häftlinge einen bestimmten Status erarbeiten, sich auf Freigängen und Urlaub bewährt haben, zeigen, dass sie vertrauenswürdig sind. In der Regel kommen sie rund neun Monate vor ihrer Entlassung in den offenen Vollzug, um sie langsam an die Freiheit zu gewöhnen – oder wenn sie Kurzstrafen haben, wie Martin und Paul.

Für beide ist es nicht das erste Mal: Martin war im Alter von 14 Jahren schon im Jugendarrest in Schleswig untergebracht, wegen kleinerer Diebstähle und weil er beim Schwarzfahren erwischt wurde. „Es war der falsche Freundeskreis damals“, sagt er heute. Er erfüllt das klassische Bild, dass gerade bei Jugendstrafen oftmals vor Gericht thematisiert wird: Er sei mit der Scheidung seiner Eltern nicht klar gekommen, dann an falsche Freunde geraten und abgerutscht. Etwas größer, wieder aus dem Jugendarrest raus, fand er sich auf dem Kieler Hauptbahnhof wieder – der magische Anziehungspunkt für Drogenkonsumenten und der Umschlagsort in der Landeshauptstadt. „Wir nannten uns stolz ‚Bahnhofsclique‘“, heute schüttelt Martin den Kopf, wenn er daran zurückdenkt. Er will nicht wieder abrutschen, für seine Familie da sein und seine Schulden bei seiner Mutter bezahlen. Das hat sich Martin fest vorgenommen.

Auch Paul (25) will sich „bessern“. Er sitzt eine Ersatzfreiheitsstrafe von 130 Tagen ab: Er konnte die Geldstrafe von 1500 Euro nicht zahlen, zu der er wegen einer Vielzahl an Schwarzfahrten verurteilt worden war. So musste er seine Strafe am 23. August antreten. 2011 war er schon mal im Gefängnis – damals drei Wochen im geschlossenen Vollzug. Ist der Ton da rauer? „Es gibt schon eine andere Hierarchie als hier, hier wurde ich gleich freundlich aufgenommen. Es ist hier eher wie eine Wohngemeinschaft“, erzählt Paul. Mit dem „Zimmerkollegen“ verstehe er sich gut.

Wie sieht so ein Tag im offenen Vollzug aus? „Ich steh’ 6.15 Uhr auf, dann frühstücken und 7.30 Uhr beginnt die Arbeit.“ Gemeinsam mit Martin arbeitet Paul in der so genannten Außenkolonne. Die Gefangenen in dieser Arbeitstruppe reinigen Wassergräben von Schmutz oder machen sonstige Arbeiten, die gerade anfallen und womit die Behörde beauftragt wurde. Zwischen 11.30 und 12.30 Uhr ist Mittagspause, anschließend wird bis 15 Uhr weitergearbeitet. Dann haben sie drei Stunden Freizeit. Während Martin diese Zeit meistens für Treffen mit seiner Verlobten und Tochter nutzte, ist Pauls Familie aus dem Kreis Segeberg etwas weiter weg. Er traf sich gelegentlich mit Freunden oder ging Einkaufen. „Drei Stunden sind schnell vorbei.“ Das wichtigste für ihn in Freiheit: „Länger rauszukönnen, ohne Uhr im Nacken.“ Es sei schon ein Gewinn gewesen, im offenen Vollzug die Zimmertür auflassen zu können, aber so ganz frei, sei nochmal etwas anderes.

Weihnachten feiern beide im Kreis der Familie, ganz besinnlich und mit der Hoffnung, sich hinter den dicken Mauern in Kiel nicht wieder zu treffen.

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