Freche Kampagne für Kieler Busfahrer

Stolz auf ihr „Fahrwerk“: Busfahrerin Gülsen Coskun (34)  ist teil der neuen KVG-Werbekampagne.
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Stolz auf ihr „Fahrwerk“: Busfahrerin Gülsen Coskun (34) ist teil der neuen KVG-Werbekampagne.

KVG stellt Image-Werbung mit heißem Fahrwerk vor / Hintergrund: Fehlende öffentliche Anerkennung des Berufs sowie Fachkräfte-Mangel

shz.de von
17. Juni 2014, 05:42 Uhr

Ihre männlichen Kollegen klagen oft über zu wenig Wahrnehmung auf Seiten der Fahrgäste. Zumindest beschreibt Marvin Prehn (23) das so: „Die Leute zeigen nur ihr Ticket und steigen ein.“ Der Busfahrer wird zur Maschine degradiert, die nur eins soll: pünktlich ankommen. Das wird Gülsen Coskun ab heute erst recht nicht mehr passieren. Die 34-Jährige wirbt stolz mit ihrem „Fahrwerk“ für ihren Job als Busfahrerin – und für ihren Arbeitgeber, die Kieler Verkehrsgesellschaft (KVG). Die eindeutig zweideutig gemeinte Botschaft („Mein Fahrwerk wird öfter bestaunt als die Mona Lisa“) ist für sie in Ordnung: „Ich bin selber frech. Und Single“, sagt die gebürtige Kielerin, die von einer „hohen Flirtquote“ am Steuer spricht. Sie gehört zu den 13 Prozent weiblichen Fahrern der KVG. Früher hat sie als Frisörin und Verkäuferin gearbeitet, heute liebt sie das „Fahrgefühl“ eines Busses.

Coskuns strahlendes Konterfei ist nicht nur überlebensgroß auf einem der erdbeerroten Busse zu sehen, die durch die Landeshauptstadt fahren, sondern auch auf einem von zwölf Plakaten mit ähnlich witzigen Sprüchen, welche die Fahrzeuge nun von innen schmücken. Neben Coskun nehmen elf weitere Kolleginnen und Kollegen an einer Imagekampagne der KVG teil, die gestern vorgestellt wurde.

Was vordergründig flott daher kommen mag, hat einen ernsten Hintergrund. Ziel ist es laut Geschäftsführer Andreas Schulz, „den Berufsstand des Busfahrers in der Öffentlichkeit aufzuwerten und dem Beruf mehr positives Profil zu verleihen“. Die Mitarbeiter genössen nicht das Ansehen, welches ihnen zustehe. Gleichzeitig will die KVG junge Menschen auf ihr Unternehmen sowie den Beruf neugierig machen. Denn in den nächsten zehn Jahren werde von den aktuell 400 beschäftigten Busfahrern die Hälfte das 60. Lebensjahr erreicht haben. „Daher suchen wir dringend und permanent Nachwuchs für das Fahrpersonal“, betont Schulz.

Denn das Problem ist die teure Ausbildung selbst. Die KVG hat nicht genügend Kapazitäten: Am Training in der betriebseigenen Fahrschule können derzeit zwölf Kräfte im Jahr teilnehmen, zudem werden jährlich drei Fachkräfte im Fahrbetrieb ausgebildet. „Wir können keine 20 Azubis jedes Jahr bei uns durchschleusen“, sagt Hauke Evers, Kaufmännischer Leiter. „Wir sind auf externe Kräfte angewiesen.“ Deshalb hat die KVG die Kampagne auf ihre Internetseite ausgedehnt, dort eine Bewerbungsplattform eingerichtet.

Kreiert hat die Werbe-Aktion ein Duo zweier Absolventinnen der Muthesius Kunsthochschule: Christin Pukallus (26) und Sophia Ewig (28) suchten ein Master-Projekt, schrieben diverse Unternehmen an. Ziel: Eine Kampagne zu entwerfen, die auch realisiert wird. Die Kieler reagierten. Sechs Monate lang haben die Kommunikationsdesignerinnen daran gearbeitet, im Vorfeld Interviews mit den männlichen und weiblichen Busfahrern geführt. Nun sind beide stolz über das Ergebnis. Für die Abschlussarbeit erhielten sie die Note „1,0“.

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