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Flüchtlingskrise : Flüchtlings-Helfer aus SH in der Burnout-Falle

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ausgenutzt, genervt, desillusioniert: Ehrenamtler erzählen, warum sie sich überfordert fühlen.

<p>Anna-Kathrin Gellner</p> von
erstellt am 08.Dez.2015 | 13:11 Uhr

Kiel | Bei den freiwilligen Flüchtlingshelfern knirscht es: „Ehrenamtler sind zunehmend vom Burnout bedroht“, schildert Andrea Dallek, Koordinatorin für dezentrale Flüchtlingshilfe beim Landesflüchtlingsrat. Sie befürchtet: „Wenn es nicht mehr Unterstützung durch hauptamtliche Kräfte gibt, werden die Helfergruppen mehr und mehr wegbrechen.“

Mehr als 80.000 Flüchtlinge sind in diesem Jahr nach Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gekommen. Besonders viele ehrenamtliche Helfer kümmern sich um sie - egal ob es um das Sammeln und Verteilen von Spenden, Familienbetreuungen oder Sprachunterricht geht.

Dallek sieht zwei Ursachen, die zu Problemen führen. Das eine: „Einige Helfer sind total genervt, weil sie sich mit ihrem Engagement von den eigentlich zuständigen Behörden ausgenutzt fühlen.“ Das andere: Wer helfen will, neige naturgemäß dazu, sich zu viel zuzumuten. „Da werden dann aus zwei Stunden Deutschunterricht pro Woche schnell drei ständige Familienbegleitungen“, sagt Dallek. „So kann jemand in null Komma nichts 20 Stunden pro Woche zu tun haben.“

Als Hilfe zur Selbsthilfe rät sie Engagierten, sich gleich am Anfang klar darüber zu werden, wie genau sie unterstützen wollen – sich also zu entscheiden etwa zwischen Behördenkontakten, Sprachenlernen, Freizeitgestaltung oder politischer Lobby-Arbeit. Legitim sei auch, den Flüchtlingen zu verdeutlichen, dass es sich in der Regel „um eine Art Nachbarschaftshilfe und nicht gleich um eine enge Freundschaft handelt“. „Viele Flüchtlinge kennen den Begriff des Ehrenamtlers gar nicht“, gibt die Expertin zu bedenken. Seitens der Neubürger seien viele Ehrenamtler „besonders hohen Erwartungen ausgesetzt – weil die Flüchtlinge leicht denken, dass das die einzigen wären, die sich um sie kümmern müssten.“

„Die Freiwilligen geraten an ihre Grenzen“, bestätigt Walter Wiegand, der beim Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde 500 ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer koordiniert. Manchen desillusionierten die vermehrten Abschiebungen. Mehrfach hat Wiegand in den letzten Wochen Äußerungen gehört wie: „Das war das erste und letzte Mal, dass ich einen Flüchtling betreut habe“. Dies liege an dem Gefühl, dass hoher persönlicher Einsatz letztlich vergebens war, um jemandem beim Fußfassen zu helfen. Überhaupt die Einblicke in oft traurige Schicksale und Traumata der Flüchtlinge: „Das ist auch für manche Helfer eine enorme psychische Belastung“, weiß Wiegand.

Auch Torsten Döhring, Leiter der Geschäftsstelle des Landesflüchtlingsbeauftragten, ruft nach mehr Unterstützung der Ehren- durch Hauptamtler: „Die Helfer brauchen eine Supervision.“ Wie Dallek und Wiegand hält er es außerdem für nötig, den Einsatz der Ehrenamtler durch offizielle Stellen zielgerichteter zu koordinieren. Eine Demotivation von Freiwilligen will Döhring unter allen Umständen verhindern. „Sie helfen ja nicht allein den Flüchtlingen. Sie wirken auch in die Gesellschaft hinein und bauen so Vorurteile gegenüber Fremden ab“.

Gemeindetag-Chef Jörg Bülow schätzt: Vom Minijob bis zur Vollzeitstelle hätten die Gemeinden 2015 bereits 500 bis 700 Personen für die Flüchtlingshilfe eingestellt. Er verspricht: „Wir werden das Ehrenamt noch stärker unterstützen.“ Etwa aus der Integrationspauschale von 2000 Euro pro Flüchtling ab März. Auch bestehe ab Januar die Möglichkeit, kommunalen Flüchtlingsbeauftragten eine Aufwandsentschädigung zu zahlen.

Auch Elsbeth Müller trat zurück - und schränkte ihre Hilfe ein. Der Schritt ist ihr alles andere als leicht gefallen. Schließlich weiß niemand besser als Müller selbst, wie sehr die Neuankömmlinge auf ehrenamtliche Hilfe angewiesen sind. Immerhin hat sie diese Unterstützung aus kleinsten Anfängen auf ein fast professionelles Niveau ausgebaut. 25 aktive Flüchtlingshelfer hat die Inhaberin einer Firma für Motorradgespanne aus Brodersby südlich von Kappeln bis vor Kurzem koordiniert. Doch nach einem Jahr war sie an dem Punkt angelangt, dass sie sich „zwischen der Flüchtlingshilfe und meiner Arbeit und Familie entscheiden musste“. Die beiden letzten Punkte „drohten baden zu gehen“. Müller sah sich zum Rücktritt gezwungen. Und zählt zur steigenden Zahl der Flüchtlingshelfer, die ausgebrannt sind vom Ehrenamt.

Angefangen hat die Brodersbyerin  mit den ersten 20 Asylbewerbern, die einer Sammelunterkunft in ihrem Heimatort zugewiesen worden waren. Nicht zuletzt als Gemeindevertreterin sah sie sich in der Pflicht zu helfen. Schnell war die Zahl der Betreuten auf über 90 angewachsen – denn weil sich Müllers Team so gut kümmerte, hängten sich die Nachbargemeinden Karby, Winnemark und Dörphof an sie dran. „Es hat eine Eigendynamik“, schildert Müller.

Sie war Mädchen für alles, erster Ansprechpartner nicht nur für Neubürger und Helfer, sondern auch für Amts- und Kreisverwaltung und die Kirche. Bei ihr landeten die Listen, mit denen das Amt Neuankömmlinge ankündigt. Wer das ist, was sie brauchen – der Willkommenskreis  stellte erste Weichen. Und blieb fortan für alles zuständig, was ein Flüchtling so braucht: Willkommensfeste, Sprachunterricht, Mobilität in einer Gegend ohne Busverbindungen, Behördenkontakte, erste Einblicke in die Arbeitswelt. Dies und vieles mehr rattert die gewesene Gruppen-Chefin als Aufgabenfeld herunter. 

Sieben Arbeitsgemeinschaften hat der Helferkreis dafür gegründet. Darunter eine Fahrrad-AG, für die Müller ihre eigene Werkstatt zur Verfügung stellt. Über 90 Asylbewerber wurden dort, oft in Eigenarbeit, mit einem fahrbaren Untersatz ausgestattet.  Rasch war Müller 20 Stunden pro Woche für die Flüchtlinge im Einsatz. „Ehrenamtlich heißt nebenberuflich“, stellt die Brodersbyerin fest. „Aber 20 Stunden sind nicht mehr nebenberuflich.“ Noch nicht mitgezählt: Fluchtgeschichten, „die einen nicht abschalten lassen“.

Seit mehr als zwei Monaten versucht Müller deshalb, bei der Gemeinde und dem Amt Schlei-Ostsee eine hauptamtliche Stelle mit 20 Wochenstunden für die Leitung des Willkommenskreises bewilligt zu bekommen – bisher ohne Erfolg. Ein Nachfolger für die ehrenamtliche Helfer-Koordination  hat sich bisher nicht gefunden. „In der Funktion sieht sich nicht jeder, selbst wenn er die Zeit hätte.“

 „Wir Helfer haben keine Lobby“, klagt die Brodersbyerin. Statt  Anerkennung durch die öffentliche Hand sieht sie sogar einen „Bumerang-Effekt“ für besonders Engagierte. Sie hat den Eindruck: „Wenn eine Amtsverwaltung sieht, dass es bei einem Helferkreis besonders gut läuft, kriegen dessen Gemeinden mehr Flüchtlinge zugewiesen.“ Ihre vorläufige Bilanz: „Was oben gesagt wird, hat nichts mit dem zu tun, was auf den unteren staatlichen Ebenen passiert. ,Wir schaffen das’ heißt in Wirklichkeit ,Ihr schafft das’.“

 

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