zur Navigation springen

Freiwillig in die Kälte : Flüchtlinge schlafen vor dem Kieler Ostseekai

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Obwohl es Plätze in der Kieler Notunterkunft gab: Asylbewerber übernachteten erstmals draußen – in der Hoffnung auf bessere Chancen für Fahrkarten nach Schweden.

shz.de von
erstellt am 09.Okt.2015 | 06:09 Uhr

Kiel | Kopfkissen, Decken, Isomatten – und ein verschlafener junger Flüchtling: Das sind die Spuren einer Art „Nachtwache“ vor dem Kieler Ostseekai. In der Nacht zum Donnerstag hatte eine Gruppe von etwa 20 Transit-Flüchtlingen erstmals draußen vor dem Terminal geschlafen. Nicht, weil sie keinen Platz im Warmen gehabt hätte. In der Notunterkunft Markthalle wenige Meter entfernt gab es nach Angaben der Stadt ausreichend Kapazitäten. Ein Helfer aus der Markthalle berichtet stattdessen, dass die Flüchtlinge nach dem Essen am Mittwochabend mit Matten und Decken zum verschlossenen Ostseekai liefen, um dort zu campieren. Sie erhofften sich dadurch am nächsten Morgen bessere Chancen auf Fahrkarten für die Schweden-Fähre. Dafür nahmen sie das Frieren bei elf Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit in Kauf.

Am Morgen sammeln Reinigungskräfte die Matten und Decken auf, um diese reinigen zu lassen. Möwen picken in übrig gebliebenen Brotresten herum. Einer der Mitarbeiter hat den letzten Flüchtling geweckt, der sich noch unter einer Decke verkrochen hatte. In gebrochenem Englisch sagt er, er komme aus dem Irak, sei allein unterwegs. „Ticket? Sweden? Today?“, fragt er. Eine Mitarbeiterin schüttelt den Kopf. Für diesen Tag ist alles schon gelaufen. War es kalt für ihn? „Cold“, sagt der junge Mann. „No problem.“ Dann dreht er sich weg.

Hinter vorgehaltener Hand stellen Beteiligte die Frage, warum die Stadt Kiel nicht eingeschritten ist. „Wie kann es sein, dass die Flüchtlinge in der Kälte schlafen?“, fragt ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Die Pressesprecherin der Stadt, Annette Wiese-Krukowska, bedauert auf Nachfrage, dass es zu dieser Übernachtung im Freien gekommen ist: „Das ist nicht in unserem Sinn.“ Sie betont jedoch auch, dass es eine freiwillige Entscheidung der Flüchtlingewesen sei, „an der wir nichts ändern können“. Am Mittwochabend seien 230 Flüchtlinge in der Markthalle gewesen – bei 300 Schlafplätzen genug Kapazitäten. Darum habe man den Ostseekai auch nicht aufgeschlossen. Doch die Menschen könnten nicht dazu gezwungen werden, ,in der Notunterkunft zu übernachten. „Es bringt ihnen auch keinen Vorteil, am Ostseekai zu schlafen“, sagt Wiese-Krukowska. Die täglich etwa 100 Tickets aus dem Kartenkontingent der Stena Line würden nach bestimmten Kriterien vergeben. Priorität erhalten Schwangere, Familien mit kleinen Kindern und alleinreisende Minderjährige. Mit unterschiedlich farbigen Armbändchen, die die Feuerwehr täglich an die Ankömmlinge in der Markthalle verteilt, sollen zudem diejenigen, die schon länger warten, erkennbar werden und ebenfalls den Vorzug bekommen. „Auf diese Info wollen wir am Ostseekai hinweisen“, sagt die Stadtsprecherin.

Und so ist das Prozedere: Ab 8 Uhr am Morgen verteilen ein Dolmetscher und die Polizei am Ostseekai etwa 100 nummerierte und gestempelte Zettel an die ausgewählten Transit-Flüchtlinge. „Mit diesen Zetteln haben sie später Zugang zum Schweden-Kai, wo sie Tickets für die Abfahrt am selben Tag kaufen können“, erläutert der Pressesprecher der Reederei Stena-Line, Martin Wahl.

Donnerstagmorgen haben nach Angaben von Polizei-Sprecher Matthias Arends etwa 230 durchreisende Flüchtlinge versucht an Tickets zu kommen. 100 von ihnen erhielten einen der Zettel. „50 weitere konnten mit Karten von Sassnitz nach Trelleborg versorgt werden“, so Arends. Die übrigen 80 Wartenden mussten wieder in Kiel übernachten und es heute erneut versuchen.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert