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Geheimnummern missbraucht : Family-Card: Betrug an der Kasse?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor dem Amtsgericht Kiel lief ein Prozess gegen die Verkäuferin eines großen schwedischen Möbelhauses. Sie soll Geheimdaten ausgespäht haben. Das Verfahren wurde jedoch unter Auflagen eingestellt, die Vorwürfe blieben unaufgeklärt.

Die Verkäuferin stand im Weihnachtsgeschäft an der Kasse eines großen schwedischen Möbelhauses. Sie soll bei Kunden, die ihren Einkauf mit der Family-Card-Bezahlkarte getätigt haben, die Geheimnummer ausgeforscht haben und mit diesem Wissen anschließend zu Lasten der Kundenkonten Gutscheine gekauft haben. Diese machte sie schließlich über eine Umtauschaktion zu Bargeld, das auf ihr eigenes Konto floss. So stand es gestern in der Anklage gegen eine 45-jährige Frau, die dem Amtsgericht allerdings eine ganz andere Version präsentierte. Die Vorwürfe – bei denen vermutlich Tausende von Kunden hellhörig werden dürften – wurden allerdings nicht aufgeklärt. Das Verfahren wurde gegen Auflagen eingestellt.

Die Angeklagte widersprach vehement den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft. Sie will die Gutscheine von Privatpersonen mit kräftigem Rabatt erworben haben. Mehr noch: Weil die Frau und drei Kolleginnen sich im Arbeitsrechtsstreit mit dem Unternehmen befanden und sich sogar im Privatleben „verfolgt“ fühlten, fragte der Verteidiger vielsagend in den Gerichtsraum: „Kann das Zufall sein?“

Richter wie Staatsanwalt meldeten starke Zweifel an bei dieser Geschichte. „Ein Geständnis wäre angebracht“, erklärte der Anklagevertreter. Der Richter betonte: „Ich kenne niemanden, der so handelt.“ Vorsorglich drohte er für den Fall, dass die Verteidigung an der Version von den billig erstandenen Gutscheinen festhalten sollte, mit dem Vorwurf der Hehlerei. Außerdem sei mindestens einer dieser Gutscheine von der Angeklagten als Mitarbeiterin des Möbelhauses persönlich ausgestellt worden – das wäre fürs Gericht wiederum zu viel des Zufalls.

Nach der Prozess-Unterbrechung räumte die 45-Jährige ein generelles Fehlverhalten ein – wie auch immer es konkret ausgefallen sein mag. Diese Erklärung ebnete den Weg zu einer Verständigung. Obwohl sich der Staatsanwalt unzufrieden zeigte: „Das ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Mir fehlt das Schuldeingeständnis.“ Doch der Richter wies ihn darauf hin, dass die Angeklagte nicht vorbestraft ist, die drei ihr vorgeworfenen Fälle schon dreieinhalb Jahre zurückliegen und sich der Schaden mit 600 Euro in engen Grenzen hält. Wörtlich fügte er hinzu: „Wir haben schon unter anderen Bedingungen ein Verfahren eingestellt.“

Die Auflagen sehen vor, dass die 45-jährige Verkäuferin – die wegen starker Arthrose als berufsunfähig gilt – 300 Euro in sechs Monatsraten begleichen muss. Zudem muss sie 60 Arbeitsstunden bei einer gemeinnützigen Organisation ableisten. Insgesamt fünf Zeugen waren zu dem Verfahren geladen. Sie alle wurden nicht mehr gehört. Damit blieb die Frage, ob und wie geheime Kundendaten an der Kasse des Möbelhauses ausgespäht wurden, unbeantwortet.  

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erstellt am 17.Nov.2015 | 11:03 Uhr

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