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Quellenforschung : Falsches Foto vom echten Aufstand

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nahezu 100 Jahre lang galt die Aufnahme mit den marschierenden Soldaten als das bekannteste Bild vom Kieler Matrosenaufstand im November 1918. Immer wieder tauchte das Foto in Geschichtsbüchern auf. Jetzt hat der Kieler Hobbyhistoriker Matthias Sperwien entdeckt, dass die Aufnahme erst zwei Wochen später in Berlin entstand.

shz.de von
erstellt am 18.Feb.2015 | 10:09 Uhr

Das Foto zeigt Matrosen. Die Marinemütze mit dem typischen Flatterband auf dem Kopf, das Gewehr geschultert ziehen die Uniformierten in Reih und Glied über das Pflaster. An ihrer Seite ein paar Zivilisten, unter denen scharfsinnige Beobachter etwa den SPD-Gesandten Gustav Noske zu erkennen glaubten. Nahezu 100 Jahre lang galt das Bild als die wichtigste Aufnahme zum Kieler Matrosenaufstand Anfang November 1918. Es war förmlich das „Gesicht der Revolution“, die den 1. Weltkrieg beendete und die deutsche Monarchie hinwegfegte. Jetzt stellte sich heraus: Die Fotografie datiert vom 20. November und zeigt Matrosen einer Sonderkompanie in einem Trauerzug am Halleschen Tor in Berlin. Stadtarchivar Dr. Johannes Rosenplänter stellte gestern fest: „Der Stadt Kiel fehlt jetzt ein Markenzeichen.“

Die Entdeckung der wahren Herkunft des Bildes ist dem Kieler Hobby-Historiker Matthias Sperwien zu verdanken, im Hauptberuf bei der Post beschäftigt. Über eine Literaturlesung im NDR kam er zu Alfred Döblins Vierteiler „November 1918. Eine deutsche Revolution“. Und von dort zu dem großformatigen Buch „Revolution und Fotografie. Berlin 1918/19“. In diesem Werk entdeckte er Bilder, die stark der berühmten Kieler Aufnahme ähnelten. Aber eben nicht von den Tagen des Umsturzes am 3., 4., 5. November an der Förde stammten, sondern vom 20. November in Berlin.

Damals hatte ein riesiger Trauerzug vom Tempelhofer Feld hin zum Friedhof der Märzgefallenen in Friedrichshain acht getöteter Revolutionäre gedacht. „Mit 100  000 Teilnehmern war es die größte öffentliche Demonstration, die Berlin je erlebt hatte“, erklärte Rosenplänter, der sich die Zweifel seines Archivbesuchers zu eigen machte. Der Kieler Archiv-Leiter fand heraus, dass der Berliner Fotograf Robert Sennecke die Aufnahmen am Halleschen Tor gemacht hatte. Und im Bundesarchiv fand sich unter der Signatur 146-2015-0015 schließlich das begehrte Original. Es zeigt – anders als das beschnittene Kieler „Duplikat“ – den gesamten Straßenzug und die Häuserfront.

Ursprung für die falsche Zuordnung der vermeintlichen Kieler Aufnahme war eine Broschüre des „Vorwärts“-Redakteurs Erich Kuttner Ende 1918 zum Aufstand. Er hatte das Kapitel „Die Revolution in Kiel“ mit dem Foto marschierender Matrosen versehen, wohlweislich aber auf eine Bildunterschrift verzichtet. Seitdem tauchte die Aufnahme regelmäßig in historischen Büchern auf – stets mit dem Hinweis auf Kiel.

Dass es von den drei entscheidenden Tagen an der Förde so gut wie keine historisch verbürgten Bilder gibt, ist für Rosenplänter nicht überraschend. Er erinnert daran, dass die damalige Technik mit Stativ und aufwändiger Belichtung keine Schnappschüsse zugelassen hat. Außerdem mussten die meuternden Kieler Matrosen anfangs um Leib und Leben fürchten, sie ließen sich nicht gerne ablichten. Und überhaupt: „Was wir heute tatsächlich vom Aufstand 1918 besitzen, passt in einen Schuhkarton.“
 

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