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Kiel

17. Oktober 2017 | 04:18 Uhr

„Extreme Bilder und Videos“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kindesmissbrauchs-Prozess gegen 30-Jährigen fortgesetzt

shz.de von
erstellt am 04.Dez.2013 | 07:06 Uhr

Es war nur eine kurze SMS. Aber sie machte Nadine U. misstrauisch. „Ich kann jetzt nicht, meine Freundin ist hier“, so lautete die Kurznachricht, die die Kielerin vor einigen Monaten las, sinngemäß. Die SMS stammte von ihrem damaligen Lebensgefährten Christian M. Der hatte sie an jemand anderen geschickt. Ein Fund mit Folgen. Nach und nach kommt der Fall eines offenbar monatelangen schweren sexuellen Missbrauchs ans Licht, der seit vergangener Woche vor dem Kieler Landgericht verhandelt wird (wir berichteten). Angeklagt: Der frühere Lebensgefährte (30) der Kielerin. Mutmaßliches Opfer: Ihr damals dreijähriger Sohn Lukas (Name geändert). Nach dem Geständnis des Angeklagten sagten am zweiten Verhandlungstag gestern Ermittler aus. Sie belasteten den Angeklagten schwer.

Ein Kripobeamter blickt zurück: Im März 2013 geht die Kielerin zur Polizei, erstattet Anzeige, reicht eine Festplatte von Christian M. ein. Dort sind Bilddateien gespeichert, die ihren nackten Sohn bei sexuellen Handlungen zeigen. Sie vermutet, Lukas wird von ihrem damaligen Freund missbraucht. Die gemeinsame Wohnung des Paares in Kiel wird durchsucht, Laptop und Handy von Christian M. sichergestellt. Die Polizei nimmt ihn vorläufig fest, er räumt einige Vorwürfe ein. Allerdings „verniedlicht“ er die Taten, spricht von „zufällig“ und nach dem Willen des Jungen entstandenen sexuellen Kontakten beim „Herumtollen auf dem Bett“ oder beim Duschen. „Einmal war er kurz davor zu weinen“, beschreibt der Zeuge den Angeklagten in der polizeilichen Vernehmung. Aber Reue? „Konnten wir nicht feststellen“, so der Beamte.

Auf dem Dachboden finden die Ermittler der Aussage des Kripobeamten zufolge einen „PC-Tower, beklebt mit Nacktaufnahmen von Kindern“. Zudem stellen sie schmerzstillende Medikamente, Salbe, Schokoriegel und einen Speicher-Stick sicher. In einem Müllsack finden sie Kinderunterwäsche. Offenbar Überbleibsel aus M.s Zeit in einer Jugendherberge auf der Nordsee-Insel Wangerooge. Dort hat der Mann, der aus Sachsen-Anhalt stammt, als Koch gearbeitet. Auch dort soll er den kleinen Lukas ohne Wissen der Mutter im Urlaub missbraucht haben. Weil der Müll nicht ordentlich getrennt wurde, fiel er auf. Mitarbeiter fanden die Wäsche, schickten sie an M.s Lebensgefährtin – ein „Wink mit dem Zaunpfahl“, sagt eine Polizeibeamtin aus. Die Kielerin jedoch erhält das Päckchen niemals, wie sie abseits des Prozesses sagt. Christian M. habe ihr dieses vorenthalten.

Der 30-Jährige soll sich zudem noch an einem weiteren Jungen (8) aus Karlsruhe vergriffen haben. Christian M. hatte Kontakt zu einem bereits zu einer Jugendstrafe verurteilten jungen Mann aus der Stadt im Süden gehabt, der diesen Jungen ebenfalls missbrauchte. Mehrere Male soll M. ihn dort besucht haben. Dazu schweigt er jedoch. Beide pädophil veranlagten Männer hatten sich vor etwa zwei Jahren im Internet kennengelernt. Dort lud der Angeklagte auch über ein Programm tausende kinderpornografischer Bilder und Videos aus dem Netz herunter, die damit unzähligen anderen Nutzern zur Verfügung standen.

Was die Ermittler auf PC, Laptop, Handy und externer Festplatte des 30-Jährigen finden, bringt ein Mitglied einer speziellen Ermittlungsgruppe an die Grenze der Belastbarkeit. Nicht nur die erhebliche Anzahl von insgesamt 40 000 Dateien, davon etwa 1000 selbst produzierte, falle auf, so der Ermittler. „Es waren extreme Bilder und Videos. Ich musste das Sichten ab und zu abbrechen, mir ging das sehr nah“, sagt der Mann vor Gericht aus. Er spricht von „harten“ Bildern, die den Missbrauch von Babys und Kleinstkindern auf brutale und erniedrigende Weise zeigen.

Die beiden Jungen sind übrigens als Nebenkläger zugelassen, werden von Anwälten vertreten. Einer Ermittlerin sagte Lukas auf die Frage, ob sein „Vater“ ihn angefasst habe: „Papa darf das nicht.“ Er habe „Nein“ gesagt, aber: „Papa hat das trotzdem gemacht“, berichtet die Kommissarin.

Später wird der Angeklagte unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagen. Der Prozess wird Montag fortgesetzt, zwei Tage später könnte das Urteil fallen.

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