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Untersuchungsausschuss Kiel : Ex-„Friesenhof“-Mitarbeiter: Schwere Vorwürfe gegen Betreiberin

vom
Aus der Onlineredaktion

Mädchen durften sich nicht schminken, das Personal war unqualifiziert: Ex-Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe gegen den „Friesenhof“.

Kiel | Ehemalige Mitarbeiter der mittlerweile geschlossenen „Friesenhof“-Mädchenheime haben schwere Vorwürfe gegen die Betreiberin erhoben und im Untersuchungsausschuss des Landtages Missstände geschildert. Im „Camp Nana“ hätten sich die Mädchen nicht schminken dürfen, auch Handys seien verboten gewesen, sagte eine ehemalige pädagogische Leiterin der „Friesenhof“-Einrichtungen am Montag in Kiel. „Es wurde auf den Moment gewartet, in dem die Mädchen zusammenbrachen.“ Bei der Aufnahme im Haus „Nana“ hätten sich Mädchen zudem nackt ausziehen müssen, dies hätten ihr Mitarbeiter erzählt.

Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung „Friesenhof“ betreute seit 1999 psychisch auffällige Mädchen. Es gab mehrere Standorte mit stationären Angeboten sowie betreutes Einzelwohnen. Im zweiten Halbjahr 2014 hatten Mädchen, aber auch zwei ehemalige pädagogische Mitarbeiter, massive Vorwürfe über inakzeptable Praktiken erhoben - etwa, dass sich die Mädchen nach ihrer Ankunft nackt vor männlichem Personal ausziehen müssten.

Sie habe Dinge, die ihr aufgestoßen seien, mit der Betreiberin besprochen. Dies sei wohl auch der Grund gewesen, weswegen das Arbeitsverhältnis nach fünf Monaten beendet worden war. Sie habe sich lange nicht getraut, etwas zu sagen. Auch andere Mitarbeiter wagten dies nicht - entweder aus Abhängigkeit oder aus Angst, sagte sie. Ihr sei gedroht worden, nach dem Motto: „Ein Wort und du kriegst keinen Job mehr.“ Erst 2013 - sie war 2009 im „Friesenhof“ beschäftigt - habe sie sich getraut, ihre Erfahrungen in einer Mail an das Landesjugendamt zu berichten. Zu dem Zeitpunkt arbeitete sie bereits mehrere Jahre beim Kreis Dithmarschen.

Auch als pädagogische Leiterin habe sie kein Konzept erhalten. Zwei weitere Zeugen, die 2013 im Mädchencamp „Campina“ gearbeitet haben, kritisierten im Ausschuss ebenfalls, sie hätten kein schriftliches Konzept bekommen. Auch der Wunsch nach Fortbildung sei ihm von der Geschäftsleitung abgeschlagen worden, sagte ein ehemaliger Mitarbeiter. „Ich musste mir alles selbst erarbeiten.“ Die anderen Beschäftigten hätten ihn so gut es ginge, über die Mädchen und die Einrichtung informiert. „Es machte einen recht kopflosen Eindruck.“

Er habe den Eindruck gehabt, dass auf pädagogische Qualifikationen des Personals seitens der Leitung nicht viel Wert gelegt worden sei. Nach kurzer Zeit als Nachtwächter sei er - als Handwerker - wegen Personalmangels in den Tagdienst versetzt worden, sagte der Zeuge.

Dort habe er auch Mädchen betreut. Über den persönlichen Hintergrund der Heimbewohnerinnen sei ihm nichts gesagt worden. Seine Frau, eine staatlich geprüft Erzieherin, habe wenig später auch in dem „Friesenhof“-Heim „Campina“ angefangen. Dort habe sie gleich die Hausleitung übernehmen sollen, wie die ebenfalls als Zeugin geladene Frau im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss sagte.

Dem Ehepaar zufolge durften die Kinder beispielsweise tagsüber nie in ihre Zimmer. Diese seien abgeschlossen gewesen. Das umzäunte Gelände hätten die Mädchen nicht allein verlassen dürfen. Ausflüge mit den Kindern seien aus Kostengründen untersagt gewesen. Spielzeug und Bücher habe es nicht gegeben. Die Mitarbeiter hätten dann aussortiertes Spielzeug von ihren eigenen Kindern mitgebracht.

Alle drei Zeugen bemängelten, dass es keine Therapieangebote für die Kinder gab. „Wir haben natürlich darüber nachgedacht, dass das Missstände sind, die an die Öffentlichkeit müssen“, sagte die ehemalige Hausleiterin. Auf die Frage, warum sich kein Mitarbeiter früher über die Zustände beschwerte, sagte die Zeugin, diese seien zum Teil finanziell abhängig vom „Friesenhof“ gewesen oder hätten Angst gehabt.

Der Mann hatte sich nach eigenen Angaben ab Oktober 2013 mit Beschwerden an das Landesjugendamt gewandt, obwohl solche Kontakte von der Geschäftsführung untersagt gewesen seien. Zwölf Mal habe er die Heimaufsicht kontaktiert - telefonisch oder per Mail. Auch aufgrund dieser Beschwerden hatte es am 2. Dezember 2013 nach Aktenlage einen unangemeldeten Besuch des Landesjugendamtes im Haus „Campina“ gegeben. Zu dieser Zeit hatte der Zeuge bereits gekündigt und die Einrichtung verlassen. Seine Frau verließ das Heim offiziell zum Januar 2014.

Die Friesenhof-Einrichtung war im Juni 2015 nach massiven Vorwürfen wegen unzureichend ausgebildetem pädagogischen Personal und entwürdigender Methoden im Umgang mit den untergebrachten Mädchen geschlossen worden. Gegen einige ehemalige Mitarbeiter laufen noch Ermittlungsverfahren. Die Opposition hält der Heimaufsicht des Landes und Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) als zuständiger Ministerin vor, zu spät und unzureichend reagiert zu haben. Alheit hatte den Vorwurf von Missmanagement entschieden zurückgewiesen. Als Konsequenz aus den Vorgängen will Alheit aber durch eine Reform des Kinder- und Jugendhilferechts die Heimaufsicht stärken.

 

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erstellt am 08.Feb.2016 | 13:06 Uhr

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