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Anorexie, Bulimie und Binge-Eating : Essstörungen in Schleswig-Holstein: „Iss doch Watte!“

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In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Betroffenen um ein Drittel gestiegen. Vor allem Jugendliche eifern oft einem Schönheitsideal nach, das unerreichbar ist.

Kiel | Julia war 14, als sie sich auf einmal zu dick fühlte. „Ich aß immer weniger, manchmal nur noch zwei Scheiben Knäckebrot am Tag“, erzählt sie. Um die Kalorien wieder zu verbrennen, rannte sie die Treppen rauf und runter, bis zu 30 Mal hintereinander. Außerdem verbot sie sich, sich hinzusetzen. In der Schule hielt sie während des gesamten Unterrichts die Beine hoch, um nicht still sitzen zu müssen. Wenn sie schlafen sollte, stand sie oft stundenlang in ihrem Zimmer herum und war die halbe Nacht lang wach. Am Ende wog Julia nur noch 39 Kilogramm – und fand sich immer noch zu dick.

Ihre Geschichte schildert die junge Frau in einem Internetforum über Essstörungen. Anonym. Denn Essstörungen sind für viele Betroffene ein Tabuthema. Und das, obwohl es immer mehr Menschen gibt, die ein gestörtes Verhältnis zum Essen haben.

In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Menschen in Schleswig-Holstein, die an einer Essstörung leiden, um fast 30 Prozent gestiegen – so lautet zumindest das Ergebnis einer internen Studie der Barmer GEK. Noch dramatischer ist die Lage bei den 13- bis 18-Jährigen. Hier hat sich die Zahl seit 2009 sogar um 76 Prozent erhöht, von 133 auf 234 Fälle pro Jahr. Zu den Essstörungen gehören Magersucht (Anorexie), Ess-Brecht-Sucht (Bulimie) und Fresssucht (Binge-Eating).

Diese Entwicklung kann Dr. Kirstin Bernhardt, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie stellvertretende Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Kiel bestätigen. „Wir haben hier deutlich mehr Patienten mit Essstörungen, als noch vor einigen Jahren“, sagt sie. Auch in Kiel nimmt vor allem der Anteil der Patienten unter 18 Jahre drastisch zu. Woran genau das liegt, kann die Expertin nur vermuten. „Essstörungen sind ein Thema, das stark gesellschaftlich geprägt ist. Bei uns gilt in den letzten Jahren immer mehr der Grundsatz: Schlank ist gleich fit. Daran orientieren sich die Menschen.“

Die Annahme, Magersucht oder Bulimie seien Luxusprobleme junger Mädchen, ist ein Irrglaube. Essstörungen sind keine Sache des Alters, das zeigen auch die Zahlen der Barmer-Studie. Die meisten Fälle tauchen im Alter von 19 bis 30 Jahren auf, doch in keiner Altersgruppe ist die Zahl so stark gestiegen, wie bei den 51- bis 60-Jährigen – hier sind es 85 Prozent mehr Menschen als vor fünf Jahren. Diese Patienten hätten entweder früher schon eine Essstörung gehabt und erlitten einen Rückfall oder sie hätten sich durch Erlebnisse wie eine positive Diät dazu verleiten lassen, eine verzerrte Wahrnehmung ihres eigenen Körpers zu entwickeln. Positiv ist hingegen die Entwicklung bei den Kindern unter zwölf Jahren – hier sind es sogar fast 30 Prozent weniger Fälle, als 2009.

Den einen Auslöser, der als Erklärung für die wachsende Zahl der Betroffenen dienen könnte, gibt es jedoch nicht. „Essstörungen sind meist multifaktoriell bedingt. Zudem werden sie in der Regel von anderen, psychischen, Krankheitsbildern begleitet“, erklärt Bernhardt Magersucht zum Beispiel trete häufig in Kombination mit einem gestörten Selbstwertgefühl auf, Bulimie und Fresssucht dagegen eher mit einer Borderline-Störung.

Das krankhafte Essverhalten wird für die Betroffenen zu einer Art Ventil, ihre Emotionen zu regulieren, die sie sonst nicht kontrollieren können. Denn: „Essen ist eine Form der Kontrolle.“ Das Problem, solche Störungen rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln, ist: Sie sind meist chronisch, ihr Krankheitsverlauf ist schleichend und sie sind ein Tabu-Thema, über das Betroffene nicht sprechen wollen.

Besonders gefährlich ist zudem ein Phänomen, das sich im Internet ausbreitet: Sogenannte Pro-Ana- oder auch Pro-Mia-Seiten. Sie verherrlichen Essstörungen als eine Art Lifestyle und geben Betroffenen Tipps, wie man am effektivsten hungert. Die personifizierten Begriffe „Ana“ und „Mia“ leiten sich von den Bezeichnungen Anorexia nervosa (Magersucht) und Bulimia nervosa (Bulimie) ab.

Die Internetseiten werden meist von essgestörten Jugendlichen betrieben, die sich selbst nicht therapieren lassen wollen. So verspricht eine junge Frau in ihrem Blog 100 Tipps, um dünner zu werden. „Dreh dich im Kreis, bis dir übel wird“, „Iss doch Watte, Moppelchen“, „Such dir Model-Vorbilder, versuche ihr Gewicht und ihre Maße in Erfahrung zu bringen. Versuche, besser zu sein“ – sind nur einige davon. Die Liste ist voll mit Ratschlägen, wie man den Körper überlisten oder seine Magersucht verheimlichen kann. Oft werden auch Fotos von extrem dünnen Menschen als Motivationsbilder gepostet.

Das Sozialministerium Schleswig-Holstein warnt in einer Broschüre davor, dass solche Online-Angebote oft gezielt an Jugendliche gerichtet sind. Denn vor allem junge Menschen seien von dem erzeugten Wir-Gefühl in diesen Gemeinschaften fasziniert und würden dadurch ermutigt, ihre Störung geheim zu halten.

Um das Problem der Essstörungen in den Griff zu bekommen, versuchen es Länder wie Frankreich mit Gesetzen, die magersüchtige Models auf dem Laufsteg verbieten. Kirstin Bernhardt würde so ein Verbot in Deutschland befürworten. „Das Signal, das man damit aussendet, ist auf jeden Fall das Richtige. Es gibt kaum ein Mädchen in dem Alter, dass nicht ‚Germanys next Topmodel‘ gucken will. Und an den Frauen orientieren sich die jungen Mädchen dann. Das ist gefährlich.“

Zwar sei man hierzulande vor ein paar Jahren schon auf dem richtigen Weg gewesen, als Kosmetikfirmen wie Dove oder Zeitschriften wie Brigitte mit normalgewichtigen Models warben – doch dieser Trend scheine sich nicht durchzusetzen. „Ich glaube, es gibt da gerade wieder eine Kehrtwende“, sagt die Expertin.

Ein Verbot von mageren Models allein sei jedoch nicht die Lösung. „Wir müssen dafür sorgen, mit präventiven Maßnahmen die Jugendlichen so gut wie möglich vorzubereiten und mehr über das Krankheitsbild  aufzuklären, damit auch Angehörige schneller reagieren können.“ Solche Maßnahmen müssten schon im Schulalter beginnen, mit Kursen zum Thema Kochen und gesunde Ernährung zum Beispiel.

In Zeiten von Veganismus, Lebensmittelallergien und Fitnesstrends scheint es, als ob der bewusste Umgang mit dem Essen nie präsenter war, als jetzt. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – entwickeln immer  mehr Menschen ein gestörtes Verhalten zum Essen. Schuld daran ist laut Kirstin Bernhardt auch der gesellschaftliche Wandel. „Unsere Gesellschaft wird immer leistungsorientierter. Der Mensch muss funktionieren, Kinder müssen immer mehr Hobbies, immer bessere Noten haben, und die Eltern wollen sich gegenseitig übertrumpfen. Da hat man überhaupt keine Zeit mehr, einfach Kind zu sein.“ Und das in Zeiten, in denen die Gesellschaft Essen und gesunde Ernährung immer mehr in den Fokus stellt. Da scheint die Kompensation nahezuliegen.

Eine zentrale Rolle  bei der Prävention spielt die Familie. Eltern rät die Psychologin, mehr mit ihren Kindern über ihre Gefühle zu sprechen und diese auch zuzulassen. „Ein Kind darf  auch einfach mal traurig sein. Und es muss die Chance haben, sich zu einem mutigen und selbstbewussten Menschen zu entwickeln.“

Julia aus dem Internetforum hat die Kurve zum Glück noch gekriegt. Sie vertraute sich ihrer Klassenlehrerin an und fing am nächsten Tag eine Therapie in einer Klinik für Essstörungen an. „Ihre Rettung“, schreibt sie. Seit zwei Monaten habe sie jetzt einen Freund und könne endlich ihr Leben wieder genießen.

Anlaufstelle für Betroffene: Zentrum für Integrative Psychotherapie ZIP gGmbH: Tel. 0431/99002681.

 

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erstellt am 07.Feb.2016 | 11:08 Uhr

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