Freispruch vor dem Amtsgericht : Erpressung erwies sich als naiver Freundschaftsdienst

Angeklagt unter dem Vorwurf der Erpressung, durfte sich ein 25-jähriger Türke über die Einstellung seines Verfahrens freuen. Er muss lediglich eine Buße von 200 Euro an den Weißen Ring zahlen.

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28. Januar 2015, 19:31 Uhr

Er wollte doch nur einem Freund, dessen Familie eine Baufirma betreibt, einen Gefallen tun und 5000 Euro an Außenständen in Empfang nehmen. Doch als der 25-jährige Türke an einer Kieler Straßenkreuzung den dicken Umschlag in die Hände bekam, fühlte er sich von einem Dutzend Menschen förmlich eingekreist und bedroht. Er ergriff die Flucht, wurde aber schnell gestellt.

So jedenfalls lautet die Version des jungen Mannes, der gestern unter dem Vorwurf der Erpressung vor dem Amtsgericht stand. Denn in Wahrheit verbarg sich hinter der Geschichte ein sehr amateurhafter Versuch, zu schnellem Geld zu kommen. Der Freund hatte nämlich heimlich Video-Aufnahmen in einer Arztpraxis gemacht und wollte den Mediziner (67) damit erpressen.

Was genau er und ein Kompagnon gefilmt haben, wurde gestern nicht erläutert – und es war offenbar auch nicht von Bedeutung. Denn der Arzt, der zwei Mal jeweils 5000 Euro zahlen sollte, hatte sofort die Polizei eingeschaltet. Ohne die Aufnahmen auch nur eines Blickes zu würdigen. So kam es im August 2012 zu der verhängnisvollen Geldübergabe, die Menschen in der Nähe waren aufmerksame Zivilfahnder der Kripo.

Von dieser Erpressungsgeschichte aber will der Angeklagte absolut nichts gewusst haben. Er sei schlichtweg hereingelegt worden, der Kontakt zum mittlerweile verurteilten Ex-Freund und Haupttäter sei abgebrochen. Und überhaupt: Seine wilde Zeit sei längst vorbei, er habe eine Frau und eine anderthalbjährige Tochter zu Hause. Der Islam predige Respekt vor dem Alter, deshalb habe ihm der Arzt bei der Geldübergabe leid getan. „Er hatte Angst, seine Hände zittern“, erklärte der Angeklagte vor Gericht. Ihm seien Zweifel an den Worten seines Freundes gekommen – nur wenig später klickten die Handschellen.

„Haben Sie ernsthaft geglaubt, so macht man Geschäfte?“, wollte die Richterin wissen. „Sie haben Recht, ich war naiv“, antwortete der 25-Jährige, der keinen Anwalt an seiner Seite hatte. „Ich habe noch nie jemanden bedroht“, sagte der Angeklagte und entschuldigte sich vor Gericht mit einem Händedruck beim Arzt.

Letztendlich waren sowohl die Staatsanwältin als auch die Richterin dafür, das Verfahren „wegen geringer Schuld“ einzustellen. Allerdings muss der junge Türke eine Buße von 200 Euro an den Weißen Ring leisten, zahlbar in vier Monatsraten. Die Richterin gab ihm einen Ratschlag mit auf den Weg: „Das ist eine Chance. Nutzen Sie sie!“  

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