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Neue Stolpersteine : „Er könnte heute unter uns leben“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Als Vierjähriger wurde Martin Ebner 1942 deportiert und ermordet. Vergeblich waren seine Eltern mit den drei kleinen Kindern 1938 vor den Nazis von Kiel nach Antwerpen geflohen. Bei der Verlegung neuer Stolpersteine erinnerte Stadtpräsident Tovar gestern daran, dass ohne die brutale NS-Diktatur Martin Ebner als 79-Jähriger heute noch in Kiel leben könnte.

Bei der Deportation, so viel weiß man, war er vier Jahre und 130 Tage jung. Danach verliert sich die Spur. Viel älter aber dürfte der Kieler Junge Martin Ebner nicht geworden sein. Gemeinsam mit seinem Bruder Leo (11) wurde er im Herbst 1942 beim Transport der fünfköpfigen Familie Ebner nach Auschwitz in Oberschlesien gewaltsam aus dem Zug geholt. Zur Zwangsarbeit. Das Todesdatum der beiden Brüder ist nicht bekannt. Offiziell gelten sie als verschollen – dieses Schicksal teilen sie mit Mutter Cenia, Vater Kuno und Schwester Cäcilie, genannt Cilly. Seit gestern gedenken fünf Stolpersteine vor dem Haus an der Sandkuhle 5 im Kieler Zentrum einer ausgelöschten Familie.

„Martin Ebner hätte noch in Kiel leben können“, sagte Stadtpräsident Hans-Werner Tovar. „Er wäre heute 79 Jahre alt.“ Das Ehepaar Ebner besaß ein Textilgeschäft an der Förde, das die Nazis „arisierten“. Nach der Pogromnacht 1938 flohen die Ebners ins belgische Antwerpen, da war der kleine Martin ein Wickelkind. Als zwei Jahre später die Deutschen einmarschierten, war das Schicksal der Ebeners besiegelt.

Insgesamt zehn Stolpersteine verlegte der Kölner Künstler und Aktivist Gunter Demnig gestern in Kiel. So wird an der Hafenstraße 8 an Minna und David Theodor Engel erinnert. Dem Ehepaar gehörten zwei angesehene Herrenbekleidungsgeschäfte. Doch auch die Engels wurden schrittweise entrechtet, im April 1942 in die „Judenhäuser“ am Kleinen Kiel eingewiesen und im Juli nach Theresienstadt deportiert. Minna Engel (72) saß im Rollstuhl, David Engel (77) war dement.

Die Schüler der Klasse 10  e der Humboldt-Schule hatten sich über Monate hinweg mit den Biographien der Kieler NS-Opfer beschäftigt. Bei jedem Stolperstein, der gestern gesetzt wurde, berichteten sie dem kleinen Publikum vom Leben der früheren Mitmenschen. Waldemar Henningsen (Möllingstraße 26) etwa wurde seine Homosexualität zum Verhängnis. Zunächst erhielt er wegen „Unzucht“ 15 Monate Gefängnis, doch als „Gemeingefährlicher“ blieb er in Haft. Er starb Ende 1942 in Sachsenhausen.

Wilhelm Spiegel war Rechtsanwalt und SPD-Stadtvertreter. Vor Gericht hatte er wiederholt Arbeiter vertreten, der sogenannte Hitler-Wurbs-Prozess machte ihn 1932 zum erklärten Feind der Nationalsozialisten. Nur wenige Tage nach der Machtergreifung, in der Nacht vor den Kommunalwahlen, bollerte es an seinen Tür am Forstweg 42. Als ihnen geöffnet wurde, zogen die beiden Männer in Uniform die Pistole und erschossen Wilhelm Spiegel. Die Täter wurden nie gefasst. An Spiegel erinnerte bereits ein Stolperstein, der – mit leicht geändertem Text – gestern von Demnig ausgetauscht wurde.

Beteiligt an der historischen Forschung ist auch das Stadtarchiv im Rathaus. Ihr Leiter Johannes Rosenplänter kennt die Schwierigkeiten, exakte Lebensdaten zu erhalten. Beispiel: der 22-jährige Horst Mahlstedt aus Holtenau. „Wir wissen nicht, warum er 1940 vor der Einberufung floh“, sagte Rosenplänter. „Wir wissen aber, dass er ermordet wurde.“ An der Kanalstraße 41 erinnert ein Stolperstein an Horst Mahlstedt.  

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erstellt am 14.Jun.2017 | 18:30 Uhr

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