Eine Werft zum Lernen, nicht Lehren

Altes Gemäuer, neues Interieur: Die Lernwerft im Kieler Stadtteil Friedrichsort wird derzeit modernisiert. Foto: schulze
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Altes Gemäuer, neues Interieur: Die Lernwerft im Kieler Stadtteil Friedrichsort wird derzeit modernisiert. Foto: schulze

Club-of-Rome-Schule in Kiel-Friedrichsort setzt auf fächerübergreifendes Lernen im Kollektiv / Durchgehender Bildungsgang von Kita bis Abi

shz.de von
12. Mai 2012, 03:59 Uhr

kiel | Zwischen Lindenau-Werft und Technischer Akademie Nord steht am Skagerakufer eines der schöneren Gebäude im Kieler Stadtteil Friedrichsort. Im ehemaligen Marinelazarett ist seit 2006 die Lernwerft untergebracht, eine Club-of-Rome-Schule und die erste neu gegründete Ganztagsschule Deutschlands. Hinter dem Schulhof erstreckt sich eine Lindenallee und dahinter die Ostsee - Schule mit Meerblick für derzeit 342 Kinder und Jugendliche sowie 64 Mitarbeiter.

Die Privatschule hat sich gleich mehrere Grundsätze auf ihre Fahnen geschrieben. Dazu zählen die Würde des Individuums oder das friedliche Zusammenleben der Kulturen. Auch bei der Vermittlung von Unterrichtsinhalten weicht die Lernwerft von staatlichen Schulen ab. "Wir sind ein Ort, an dem die Schüler selbstständig lernen sollen. Es geht nicht ums Lehren. Die Lehrer sind eher Begleiter, klassischen Frontalunterricht gibt es nicht", erklärt Schulleiter Albert Benning, der gleichzeitig Geschäftsführer der Bildungsstiftung Schleswig-Holstein ist. Mit zwei Kollegen gründete er vor sechs Jahren die Lernwerft, davor war er Lehrer an der Waldorfschule Kiel. "Wir haben lange überlegt: Wie sieht eine ideale Schule aus? Dann haben wir das Konzept erarbeitet", erinnert sich Benning.

Doch die Umsetzung des ehrgeizigen Projekts war zunächst alles andere als einfach. "In den ersten drei Jahren gab es keine Förderung vom Land. Mittlerweile finanziert sich unsere Schule aber zu 80 Prozent aus Landesmitteln", so Benning, der betont, dass die Lernwerft weder "Eliteschule" sei noch sich von staatlichen Schulen absetzen wolle. Die übrigen 20 Prozent sind Schulgeldbeiträge der Eltern, die pro Kind und Monat 150 Euro zahlen müssen.

Ein Vorteil gegenüber öffentlichen Schulen sei laut Benning die freie Wahl der Lehrer, die von der Schule bezahlt werden und somit keine Beamten werden können. Zunächst müssen sich diese jedoch nach ihrem Referendariat fortbilden, um das Schulsystem besser kennenzulernen. So gibt es statt einfacher Unterrichtsstunden ausschließlich Doppelstunden. Fächer werden meist im geschlossenen Block unterrichtet (Epochenunterricht). So kann es sein, dass sich die Schüler drei Wochen mit nichts anderem als Bio beschäftigen. Ebenso ist es möglich, sich einem Bereich in verschiedenen Fächern zu nähern. "Das Thema Energie zum Beispiel haben wir in Physik, Biologie, Erdkunde und Religion besprochen", erklärt Benning. Dafür sei Teamarbeit der Lehrer wichtig. Neben dem Argumentieren sollen die Schüler auch lernen, sich in Rollen zu versetzen und Beziehungen herzustellen.

Was es nicht gibt, ist Sitzenbleiben. "Das gilt bis zur zehnten Klasse, mehr haben wir ja seit der Gründung auch noch nicht", sagt Benning, der mit Stolz betont, dass er einen durchgehenden Bildungsgang anbieten kann. "Vom einjährigen Kleinkind in der Kita bis zum Abi - niemand muss die Lernwerft verlassen." Ein anderer Grundsatz ist das Lernen in der Gruppe nach dem Helferprinzip. Während bessere Schüler die schlechteren unterstützen, werden die begabteren zusätzlich gefördert. Weitere Schwerpunkte sind Bewegung, Musik und Ernährung. Neben Rhythmikunterricht in der Grundschule gibt es in Jahrgang fünf und sechs Bläser- und Streicherklassen. Für alle gleich wichtig: Das Essen, das in der Schulküche gekocht und in der Mensa (100 Plätze) eingenommen wird. "Wir haben einen eigenen Koch, der gerne internationale Gerichte zubereitet", verrät der Schulleiter.

Was sich Benning wünscht, ist mehr Freiheit für Schulen. "Viele sind innovationsbewusst, können aber nicht."

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