Special Olympics in Kiel : Eine Helferin berichtet über ihre Erfahrungen mit der Delegation aus Luxemburg

Die Helfer tragen bei den Special Olympics in Kiel rote Tshirts.

Die Helfer tragen bei den Special Olympics in Kiel rote T-Shirts.

Die Studentin Leona Sedlaczek erzählt von ihren Erlebnissen mit der luxemburgischen Tischtennisspielerin Danièle.

shz.de von
18. Mai 2018, 15:49 Uhr

Kiel | Es ist 8.25 Uhr als ich am Donnerstagmorgen die Einfahrt zur Stralsundhalle in Kiel Südfriedhof hinaufradle. Gerade als ich den Eingang zur Sporthalle betreten will, bringt mich ein mir entgegenkommender Schwall rot gekleideter Menschen zum Stehen. „Helfereinweisung ist heute drüben“, ruft mir einer von ihnen zu, während sie sich stetig wie eine Ameisenstraße in Richtung Haus des Sports begeben.

Die nationalen Sommerspiele für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung haben Kiel in ihren Bann gezogen. In der Stralsundhalle finden die Tischtennis-Turniere der Special Olympics statt und es wimmelt von grünen, roten, blauen und gelben Trikots, in denen die Athleten alles geben, um für ihr Bundesland Gold zu holen.

Obwohl ich wie die anderen eines der roten Helfer-Shirts trage, bin ich in besonderer Mission unterwegs: Während die letzten Nachzügler schnell zur Helfereinweisung huschen, bleibt ein kleiner, weißhaariger Mann mit runder Goldrahmenbrille vor mir stehen und deutet auf die Flagge auf meinem Plastik-Schnellhefter. „Luxemburg!“, sagt er. Guy Wagner ist der Kopf der luxemburgischen Delegation, die genau wie Serbien, Finnland, Österreich und Griechenland als Gast an den Special Olympics Deutschland teilnimmt. Der 74-Jährige kommt nicht allein: Zwei Athletinnen und ihr Coach sind hier, um ganz großes Tischtennis zu spielen.

Gemeinsam betreten wir die Stralsundhalle. Die Geräuschkulisse ist fantastisch: 21 Tischtennisbälle werden gegen Tische, Banden und Sporthallenwände geschmettert und erschaffen ihren eigenen Rhythmus. Es dauert nicht lange, dann steht auch die 26-jährige Danièle Jankowoy auf dem Feld. Sie spielt seit 19 Jahren Tischtennis und ist, worum sich alles bei der luxemburgischen Delegation dreht. Danièle hat sanfte Augen, ein Gesicht voller Sommersprossen und schiebt sich vor jedem Spiel ihren Haarreif durch die Mähne, damit ihr keine Strähne ins Gesicht fällt.

Wüsste ich nicht, dass sie eine geistige Beeinträchtigung hat, hätte ich es zunächst sicherlich nicht bemerkt. Erst nachdem ich ein paar Sätze mit ihr spreche, nehme ich ihre Behinderung wahr, jedoch hindert diese sie weder daran, mir zu erzählen, warum sie nun hier in Kiel auf dem Feld steht, noch mich vor meinem Gang zum Supermarkt um weiße Schokolade zu bitten.

Danièles Bruder erfuhr durch seine Arbeit als Sozialarbeiter von den Special Olympics und so kam es, dass die Luxemburgerin ihre Leidenschaft zu einem nationalen Anliegen machte. Zusätzlich zum Einzel spielt Danièle in einem Unified-Team: Ein Doppel bestehend aus ihr und Corinne, einer Athletin ohne geistige Behinderung. Die 41-jährige ist Danièles Partnerin und Mentorin – gemeinsam gewinnen sie jedes Match. Als ich frage, ob sie an den Weltsommerspielen im März 2019 in Abu Dhabi teilnehmen werden, leuchten Danièles Augen, Corinne grinst. Sie können es kaum erwarten. 

Danièle ist für mich das Sinnbild meiner bisher verzerrten Wahrnehmung: Wenn ich an geistig behinderte Menschen dachte, dann dachte ich an Menschen mit Down-Syndrom. An den Special Olympics nehmen jedoch große, kleine, dicke, dünne, blinde, sehende, gehende und sitzende Athletinnen und Athleten teil. Manche können sich wunderbar artikulieren, anderen fällt das Sprechen schwer. Den einen sieht man ihre Behinderung direkt an, andere fallen nicht im Geringsten auf.

Diese Individualität ist nicht nur äußerlich – während Danièle sich bescheiden gibt, obwohl sie jedes ihrer zwölf Matches mit Abstand gewinnt, erzählt mir der hessische Athlet Holger mit stolzgeschwellter Brust gleich dreimal, dass er gestern die Silbermedaille im Herren-Einzel gewann. „Und danach habe ich mich richtig begossen und bin erst um zwei ins Bett gegangen!“, sagt er begeistert, und ich kann nicht anders als laut zu lachen und gleichzeitig zu verstehen, dass obwohl es auf den ersten Blick oft so scheint, es doch gar nicht so viele Unterschiede zwischen uns gibt.

Ich bestimme, wie ich geistig beeinträchtigte Menschen wahrnehme – von jetzt an hoffentlich viel menschlicher, angstloser und individueller als es mir bisher gelang. Denn was bleibt, ist nicht eine Behinderung, sondern dass Danièle genau so gerne weiße Schokolade isst wie ich, Holger einen Sieg auch mit Bier feiert und beide tausendmal besser Tischtennis spielen als ich es jemals können werde.

Die Autorin dieses Textes ist Studentin der Christian-Albrechts-Universität und berichtet für uns von den Special Olympics.

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