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Ausbildung mit 52 Jahren : Eine ganz besondere Nachwuchskraft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nils Picker ist mit 52 Jahren der älteste Auszubildende, der je bei der Landeshauptstadt angefangen hat. Er hat den neuen Lebensweg wegen einer fortschreitenden Erblindung gewählt und möchte anderen mit Handicap Mut machen.

shz.de von
erstellt am 08.Aug.2014 | 06:53 Uhr

Er hat schon viele berufliche Neuanfänge hinter sich. Dieser ist zugleich der Start in ein neues Leben. Und das im Alter von 52 Jahren. Nils Picker hat am 1. August eine duale Ausbildung bei der Landeshauptstadt Kiel begonnen – er ist damit nach Auskunft einer Pressesprecherin der älteste Azubi, der je im Rathaus angefangen hat. In Verbindung mit einem Verwaltungs-Studium an der Fachhochschule in Altenholz wird er innerhalb von drei Jahren zum Stadtinspektor ausgebildet. Eine Beamten-Laufbahn des höheren Dienstes. Nils Picker freut sich auf das Studium, das viel juristisches Fachwissen enthalten wird. Ohne eine Erbkrankheit, die ihn erblinden lässt, wäre der Kieler den Weg zwar so nicht gegangen. Doch nun ist er glücklich mit dieser Perspektive.

„Das ist ein Sechser im Lotto – mit Zusatzzahl“, sagt Nils Picker mit klarer Stimme, als er sich mit seinem Blindenstock vom Rathausplatz zu einem Café in der Kieler Fußgängerzone vortastet. „Ich habe nicht gedacht, dass es klappt.“ Doch nachdem sich der 52-Jährige vor einem Jahr zur Bewerbung entschlossen hatte, habe er das Auswahlverfahren ganz normal durchlaufen – mit Erfolg. „In einem anderen Bundesland wäre die Verbeamtung in meinem Alter vermutlich schwieriger gewesen“, meint Picker. Schleswig-Holstein und besonders Kiel seien aber sehr offen, gerade in Bezug auf Handicaps. „Das, was ich mache, ist ein richtig cooles Inklusions-Projekt“, schwärmt Picker. Unter aktuell 133 Nachwuchskräften bei der Stadt haben neben Picker drei weitere nachgewiesen, dass bei ihnen eine Schwerbehinderung im erhöhten Maß vorliegt. Nils Picker ist zu 100 Prozent schwerbehindert.

Bis zum Ausbildungsbeginn hat er in Würzburg eine so genannte blindentechnische Grundausbildung absolviert, um sich auf seinen neuen Einsatz vorzubereiten. Brailleschrift lernen. Umgang mit dem Computer. Office-Programme blind beherrschen. Im Mobilitäts-Training hat er geübt, mit dem Stock die Umgebung wahrzunehmen, sich neue Räume zu erschließen. Seine Krankheit nennt sich Retinopathia pigmentosa. Vereinfacht gesagt: „Die Sehzellen lösen sich auf“, erklärt Picker. Auch wenn sie angeboren ist, hatte er gehofft, außer einer Kurzsichtigkeit keine weiteren Probleme zu bekommen.

Doch im Jahr 2006 ändert sich für ihn alles. Mit Beschwerden lässt Picker sich untersuchen. „Kieselsteine und Laub konnte ich nicht mehr differenziert sehen“, beschreibt der Kieler. Eine schleichende Veränderung. „Dass es so schlimm kommt, war damals nicht klar“, sagt er. Noch sieht Picker ein bisschen. Aber die Sehleistung nimmt rapide ab. Innerhalb von zwei Jahren sank sie von 35 auf unter fünf Prozent.

Die beruflichen Möglichkeiten für einen Erblindenden sind beschränkt. Physiotherapeut kam für ihn nicht in Frage. Also Verwaltung – in Verbindung mit einem Studium. „Ich möchte auf dem Niveau arbeiten, auf dem ich bisher gearbeitet habe“, sagt Picker. Der gebürtige Hamburger hat in Kiel Chemie und Biologie studiert, aber kurz vor dem Diplom abgebrochen. Zehn Jahre lang führte er ein Geschäft für Reiseausrüstung in der Holtenauer Straße. Zuletzt leitete er Internetprojekte, war als Web-Designer auch selbstständig. „Aber die Berufe kann ich nicht mehr ausüben“, berichtet Picker. Auch die Hobbys – Segeln, Surfen, Ski fahren, Joggen, Radfahren – werden immer schwieriger.

Picker klagt nicht, wenn er von seinem Lebenseinschnitt erzählt. Vieles beschreibt er nüchtern. Auch wenn er einige Hürden sieht. Diese etwa: Zum ersten Mal in seinem Leben wird er ohne die Hilfe seiner Augen lernen müssen. „Natürlich mache ich mir Gedanken, ob ich mitkomme“, sagt der Mann. „Die Ausbildung ist eine Herausforderung für alle – für mich, für die Stadt Kiel und für die FH“ – dessen ist er sich bewusst. Aber mit Veränderungen positiv umzugehen, das ist seine Einstellung: „Es wird schon irgendwie gehen.“ Seine Lebensgefährtin unterstützt ihn dabei.

Hat Nils Picker Nachteile durch das vergleichsweise hohe Alter oder seine Behinderung? „Er kann ganz normal verbeamtet werden“, sagt eine Pressesprecherin der Stadt Kiel. Eine Behinderung spielt auch für die Altersversorgung keine Rolle, heißt es von der Versorgungsausgleichskasse der Kommunalverbände (VAK) in Schleswig-Holstein. Durch einen späten Wechsel ins Beamtenverhältnis könne man allerdings nicht mehr so hohe Dienstzeiten und damit Versorgungsansprüche erreichen.

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