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In Kiel gestrandet : Ein sicherer Ort für junge Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Zahl unbegleiteter Jugendlicher aus Ländern wie Afghanistan oder Syrien schnellt die Höhe: Über 300 werden es wohl im laufenden Jahr sein. Und alle tragen sie, wie es die Stadträtin ausdrückt, einen „riesigen unsichtbaren Rucksack“ – gefüllt mit Erfahrungen von Verfolgung und Gewalt.

shz.de von
erstellt am 23.Sep.2015 | 11:14 Uhr

Von einer riesigen Herausforderung spricht Renate Treutel, die Stadträtin für Jugend und Bildung. Immer mehr minderjährige Flüchtlinge erreichen Kiel ohne jede Begleitung. Wurden im vergangenen Jahr 55 alleinreisende Kinder und Jugendliche gezählt, sind es im laufenden Jahr bereits 278. Und am Jahresende werden es wohl über 300 sein, schätzt die Stadträtin. Mitunter erfahren ihre Mitarbeiter erst wenige Stunden vorher von der Ankunft der Minderjährigen, die dann auf dem Hof Hammer eine erste sichere Unterkunft und Versorgung finden.

Die jungen Afghanen, Syrer, Somalier und Iraker stellen den Großteil der jungen Flüchtlinge. Und zumeist sind es männliche Jugendliche von 16 oder 17 Jahren, die auf die Reise geschickt werden. Die Eltern erhoffen sich ein besseres Leben für den Nachwuchs, mitunter verbinden sie mit dem sicheren Leben in Deutschland auch eine spätere Perspektive für die ganze Familie. Wichtigstes Utensil ist für alle gestrandeten Flüchtlinge das Handy – meist die einzige Möglichkeit, mit der Familie in Kontakt zu bleiben.

Die Jugendlichen haben zwar nicht viel Gepäck dabei, sie tragen aber einen „riesigen unsichtbaren Rucksack“, wie Renate Treutel es beschreibt. Sie meint damit die Erfahrung von Terror und Verfolgung in der alten Heimat, von Gewalt während der Flucht, von der Ungewissheit des neuen Lebens fern der vertrauten Heimat. Mitunter haben sie auch während der wochen- oder monatelangen Emigration ihre Eltern verloren. „Nach und nach erzählen sie davon“, weiß Marion Muerköster, die Leiterin des städtischen Jugendamtes.

Sie und ihre Kollegen bieten auf Hof Hammer, in Pflegefamilien oder in betreuten Wohngemeinschaften den jungen Flüchtlingen Schutz, Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit. Und eine verlässliche Struktur für den Tag: morgens Schulunterricht, mittags gemeinsames Essen, am Nachmittag Sport und Freizeit. Gerade in diesem Bereich sind ehrenamtliche Helfer gesucht. Um ein paar Beispiele zu nennen: Wer mit den Jugendlichen vielleicht Fußball spielen möchte, wer mit ihnen schwimmen oder wandern gehen möchte, kann sich bei Corsi Peters melden (Tel. 0431 / 901 - 49 00; E-Mail corsi.peters@kiel.de).

Renate Treutel schätzt, dass trotz aller Strapazen für etwa die Hälfte der jugendlichen Flüchtlinge an der Förde noch keine Endstation ist, sie wollen nach einer „Verschnaufpause“ weiter zu Verwandten oder Freunden nach Dänemark und Schweden. Die andere Hälfte aber wird wohl in Kiel bleiben. Ihr Wille, zu lernen und die fremde Sprache zu erlernen, ist enorm. „Sie haben viel Kraft und einen starken Willen“, sagt die Stadträtin.  

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