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Fragwürdiges Schild : Ein Schutz-Container „nur für Deutsche“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zweifelhafter Hinweis auf städtischer Winter-Notunterkunft für Obdachlose in Kiel. Die Stadt distanziert sich von dem Schild und verspricht Aufklärung. Hintergrund: Streit um die Schlafplätze zwischen heimischen Obdachlosen und Bürgern aus neuen EU-Ländern.

Deutliche Worte sind es, Schwarz auf Weiß: „Dieser Container ist nur für Deutsche – Wohnungslose!“. Säuberlich, aber amateurhaft und ohne „Absender“ wurde der Hinweis mit Klebeband auf der Tür einer der drei blauen Kälteschutz-Container angebracht, die nachts Obdachlosen in Kiel einen warmen Unterschlupf bieten. Die Botschaft wirft Fragen auf. Warum hängt sie dort? Von wem kommt das Schild? Und was soll die Botschaft vermitteln? Die Aussage wirkt zweifelhaft, wenn nicht ausländerfeindlich.

Die Container sind im Besitz der Landeshauptstadt. Sie gewährleistet zusammen mit der Evangelischen Stadtmission in Kiel das Winternotprogramm für Obdachlose, das vor kurzem wieder gestartet ist. Doch von dem Hinweis ist der Stadtverwaltung nichts bekannt, wie Pressesprecherin Annette Wiese-Krukowska gestern auf Nachfrage erklärte: „Von der Stadt ist das garantiert nicht. Das ist in der Tat unglücklich, wir werden das klären.“

Nachfrage bei der Stadtmission. Michael Schmitz-Sierck betreut die Wohnungslosenhilfe und ist zuständig für das Winternotprogramm. Er kennt das Schild: „Das hat nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun. Wir müssen zwei bis drei Plätze für Angetrunkene oder akute Notfälle vorhalten.“

Hintergrund: Zwei der drei Boxen sind, teilweise durchgängig, von etwa zehn Bürgern aus neuen EU-Ländern belegt. Rumänen, Bulgaren oder Slowaken, die aus dem Elend in ihrer Heimat nach Kiel gekommen sind – in der vergeblichen Hoffnung, hier Fuß zu fassen. Sie gelten für die Stadt aber ebenso als Obdachlose, wenn sie keine Unterkunft finden, und werden geduldet, so lange es keine Unruhe gibt. Denn das war vor zwei Jahren der Fall. Konkurrenz um die Schlafplätze war zwischen heimischen Wohnungslosen und neuen Gästen entstanden. Im vergangenen Winter blieb es ruhig. Vielleicht aufgrund der Aufteilungs-Lösung: Zwei der Container können die Osteuropäer nutzen, der dritte ist explizit laut Schild für „Deutsche – Wohnungslose!“ reserviert. Dass die Osteuropäer den Hinweis aufgrund der Sprachbarriere womöglich gar nicht verstehen, scheint die Stadtmission nicht zu stören.

Noch sind die Nächte nicht bitterkalt, noch scheint das Angebot an Schlafplätzen zu reichen. Ob dies so ist, das überprüfen nach Angaben der Stadt Kiel jeden Morgen die Mitarbeiter der Stadtmission. „Bei Bedarf würde ein weiterer Container gemietet werden“, heißt es. Zu den Kosten will sie öffentlich keine Angaben machen. Bis zu 18 Personen bieten die drei Buden insgesamt einen Unterschlupf. Sie sind beheizt, haben Stromversorgung, es gibt eine Toilette. Im vergangenen Winter waren die Container sehr nachgefragt, so die Stadt-Sprecherin. Durchschnittlich 13 bis 14 Wohnungslose, darunter auch die neuen EU-Bürger, nutzten jede Nacht das Angebot. Morgens werden die Buden abgeschlossen.

Bis nachmittags, wenn sie wieder geöffnet werden, können sich Obdachlose – egal welcher Herkunft – im Tagestreff und Kontaktladen der Stadtmission aufwärmen, dort essen, duschen, Wäsche waschen, sich medizinisch versorgen und rechtlich beraten lassen.

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erstellt am 22.Nov.2014 | 05:25 Uhr

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