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Kiel : Ein neuer Ort der Hoffnung für Wohnungslose

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jubiläum und Neuanfang in Beratungsstelle der Stadtmission: In der Fleethörn entstand nicht nur ein Neubau – auch neun neue Apartments für Wohnungslose wurden eingerichtet. Wir haben mit einem der Bewohner gesprochen.

Rainer geht hart mit sich selbst ins Gericht: „Ich habe mein Leben verpfuscht“, sagt der Kieler. Er ist jetzt 63 Jahre alt, hat einen Haufen Schulden, kein Zuhause mehr und einen Suizidversuch hinter sich. Rainer steht ganz am Anfang eines langen Weges zurück ins normale Leben, wie er sagt. Bei diesen ersten Schritten hilft ihm die evangelische Stadtmission Kiel. In einem neuen Apartment für Wohnungslose, direkt in der Innenstadt gelegen, hat er ein Zuhause auf Zeit gefunden. Dort arbeitet er seine Vergangenheit auf, unterstützt von Sozialarbeitern. Dort will er den Betreuern und vor allem sich selbst beweisen, dass es wieder aufwärts geht.

Er war mal selbstständiger Unternehmer und hat gutes Geld verdient. Mehrere Schicksalsschläge und zuletzt der Tod seiner geliebten Katze im Mai 2013 entzogen ihm den Boden unter den Füßen. „Ich sah keinen Sinn mehr in meinem Leben“, erzählt Rainer mit fester Stimme. Innerhalb weniger Tage fasste er einen Entschluss. „Ich hab’ mein Geld gesammelt und bin losgefahren.“ Freunde und Bekannte hatte er da schon nicht mehr. Rainer wollte noch mal all das sehen und erleben, wovon er geträumt hatte. Er reiste durch Europa, lebte gut. Am Ende der Reise wollte er Schluss machen, mit sich selbst. Als das misslang, landete er in der Psychiatrie.

Mit nichts als seiner bloßen Existenz und den Kleidern am Leib kam Rainer schließlich in der stationären Wohnungslosen-Einrichtung „Klein-Nordsee“ in Felde bei Kiel unter. Der Standort war jedoch „fachlich überholt“, wie die Stadtmission sagt, und ist geschlossen worden. Nun werden alleinstehende Männer, die Anspruch auf Hartz IV, aber keine Wohnung haben, in der Landeshauptstadt einquartiert – verteilt auf mehrere kleinere Einrichtungen. Es gibt insgesamt 35 Plätze. Finanziert wird diese Aufgabe vom Land.

Die Stadt Kiel wiederum muss, gesetzlich dazu verpflichtet, die ambulante Versorgung Wohnungsloser leisten. 2011 gab es 170 bekannte Fälle, in den Jahren danach steigerte sich die Zahl auf bis zu 252. In enger Zusammenarbeit mit der Stadtmission wurde die Zentrale Beratungsstelle bereits 1984 aufgebaut. Fünf Berater, 16 Gespräche am Tag, das ist hier die Faustregel. Winternotprogramm, psychosoziale Betreuung und spezielle Angebote für Frauen wurden entwickelt. Gestern wurden gleichzeitig die 30-jährige Kooperation mit der Stadt als auch die Einweihung des Neuanfangs am Standort Fleethörn gefeiert. Die Zentrale Beratungsstelle zog zusammen mit vier Mitarbeitern des Jobcenters in das neu erbaute Hinterhaus an der Fleethörn. Von einer „guten Partnerschaft“ sprachen sowohl der Geschäftsführer der Stadtmission, Kay Nernheim, als auch der zuständige Sozialdezernent der Stadt Kiel, Gerwin Stöcken.

Im Vorderhaus, wo sich früher die Beratungsstelle befand, wurde umgebaut, bezahlt von der Stiftung Alsterdorf, Muttergesellschaft der Stadtmission. Im Vorderhaus wohnen nun Männer wie Rainer. Bett, Tisch, zwei Stühle, kleine Kochnische und Bad – das ist die Grundausstattung.

Rainer lebt seit Mai dieses Jahres in einem der neun neuen Apartments. Er ist dankbar für die Hilfe: „Hier habe ich Ruhe und die Zeit, die ich brauche.“ Sein Ziel: Die letzten Lebensjahre mit Anstand verbringen. Mitte nächsten Jahres will er wieder auf eigenen Beinen stehen.

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erstellt am 25.Sep.2014 | 05:18 Uhr

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