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Holocaust : Ein Kieler Jude erinnert sich

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Vor 69 Jahren wurde das Konzentrationslager in Auschwitz befreit. Henry Glanz, geboren in Kiel, spricht über seine Rettung. Heute gibt es in der Landeshauptstadt wieder jüdisches Leben.

Kiel | Gebäudereste einer Synagoge, Stolpersteine, ein kleiner Friedhof – viel ist es nicht, das in der Landeshauptstadt auf jüdisches Leben hinweist. Auch von Henry Glanz gibt es keine Spur, dabei ist seine Geschichte so außergewöhnlich, dass sie erzählt werden sollte.

Sein Schicksalstag war der 30. August 1939: Hersch-Heniu, wie Henry von seinen Eltern zur Geburt genannt wurde, sah seine Familie an diesem Tag zum letzten Mal. Er war gerade 15 Jahre alt. Seine Mutter brachte ihn zum Kieler Bahnhof, er sollte mit dem Kindertransport nach England, in Sicherheit. „Wir mussten uns in der Bahnhofshalle verabschieden. Es war verboten, dass die Mütter mit ans Gleis kommen“, erzählt der heute 89-Jährige. Die Nationalsozialisten wollten, dass alles ohne großes Aufsehen von statten geht. Nach dem Boykott gegen jüdische Geschäfte und dem Pogrom hatte die britische Regierung beschlossen, 10.000 Kinder aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei aufzunehmen und damit zu retten. Seine Schwester Gisela war eine Woche zuvor geflohen. „Wir waren der letzte Kindertransport, der durchkam“, erzählt Henry Glanz. „Als wir am 1. September englischen Boden betraten, sahen wir auf dem Titel der Tageszeitung, dass der Krieg begonnen hatte.“ Die deutsche Wehrmacht hatte Polen überfallen.

Henry und die anderen Kinder wurden auf einem alten Burgschloss namens Gwrych Castle im nördlichen Wales untergebracht, in jüdischen, englischen und allgemeinen Fächern unterrichtet und mussten in der Landwirtschaft arbeiten. In England waren sie sicher vor den Nationalsozialisten, doch die Erfahrungen aus Deutschland steckten noch lange in ihnen, wie Henry schildert. Zwei Wochen nach ihrer Ankunft gingen sie in einer Kleinstadt spazieren, schauten in Schaufenster. Plötzlich kam ein Polizist geradewegs auf sie zu. Sie rannten weg, einen bekam der Officer zu fassen, der Junge fing an zu weinen. Henry konnte wegen seiner guten Englisch-Kenntnisse dolmetschen, als der Polizist wissen wollte, weshalb der Junge weggerannt sei. „Wenn in Deutschland ein Polizist auf jüdische Kinder zugehe, bedeutet das Ärger“, hat ihm Henry Glanz erklärt. Der Polizist sei den Tränen nahe gewesen: „Tell him that he is not in Germany, here a policeman is your friend!“ Nur wenige Tage später, so Henry Glanz, seien die Polizisten mit Kuchen ins Schloss gekommen und hätten ihre Arbeit vorgestellt.

Ein paar Jahre später ging Henry Glanz noch einmal nach Deutschland – als Soldat: „Die Amerikaner suchten Leute, die deutsch schreiben und lesen konnten.“ Ein Jahr und acht Monate war er in München mit der Postzensur beschäftigt, meldete alles, was verdächtig schien. Wieder in England lernte er „seine Bobbie“, wie er sagt, kennen, heiratete sie und freute sich bald darauf über zwei Söhne. „Mit ihnen habe ich nie darüber gesprochen – bis sie erwachsen waren. Niemand hat von uns daran geglaubt, dass so etwas im Land von Heine, Schiller, Mozart und Beethoven passieren kann. Wie hat dieser Hitler das gemacht?“, fragt sich Henry Glanz heute noch.

Er hat den Wahn überlebt, genauso wie seine Schwester Gisela, die im Alter von 72 Jahren in Australien an Krebs starb. Das letzte Lebenszeichen seiner Mutter ist ein Brief vom 21. Oktober 1941: „Meine geliebten teuren Kinder, haltet stets in Liebe und Treue zusammen, und Gott wird Euch segnen. Papa schreibt oft und möchte, wir sollen zu ihm nach Brüssel kommen, aber es geht leider nicht. Lebet wohl, meine innigst geliebten Kinder, wir wünschen Euch alles Gute und bitten den lieben Gott um ein baldiges Wiedersehen.“ Im Mai 1942 wurden seine Mutter Esther und sein Bruder Joachim Glanz nach Belzec, einem Vernichtungslager nahe Lublin (Polen), deportiert, sein Vater Mendel Glanz kam fünf Monate später nach Auschwitz. Ihre Stolpersteine sind heute in der Adelheidstraße, wo Henrys Eltern zuletzt ein Abzahlungsgeschäft für Textilien hatten, ins Straßenpflaster eingelassen.

Kurz nach der Verlegung ihrer Steine kam Henry Glanz nach Kiel. Welche Erinnerungen hat er an die Stadt? Es sei schwer für ihn, durch die Straßen seiner Kindheit zu streifen, ein bedrückendes Gefühl, erzählt er. Aber er hat auch positive Erinnerungen an seine Schulzeit, beispielsweise an den Lehrer Johannes Hagenah. „Im Deutschunterricht ist oft gesagt worden, wenn man einen Juden nicht an der Nase erkennt, dann erkennt man ihn an dem Gestank von Knoblauch“, sagt Henry Glanz. „In der Turnstunde stand ich neben einem Jungen, der hat den Lehrer gefragt, ob er woanders stehen kann, weil er den Gestank von Knoblauch nicht erträgt.“ Hagenah habe ihm eine Ohrfeige gegeben und gesagt: „Was du in der Hitler-Jugend machst, darüber hab’ ich keine Kontrolle. Hier benimmst du dich wie ein zivilisierter Mensch!“ Kurz nach dem Krieg hatte Henry, mittlerweile Engländer, wieder Kontakt zu seinem inzwischen verstorbenen Lehrer. „Ich habe in seinem Namen mehrere Bäume gepflanzt.“

Henry Glanz wird im Mai 90 Jahre. Das erste Mal, dass er ohne Furcht zugeben konnte, Jude zu sein, sei in England gewesen. Wie geht es der jüdischen Bevölkerung heute in Kiel? „Heute gibt es in Kiel annähernd so viele Gemeindemitglieder wie zur NS-Zeit“, erzählt Joshua Pannbacker, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Kiel. Rund 160 liberale, die ihren Anlaufpunkt an der Jahnstraße unweit der einstigen Synagoge am Schrevenpark haben; und etwa 440 orthodoxe, hauptsächlich aus der ehemaligen Sowjetunion in den 90er-Jahren gekommen, deren Synagoge an der Wikingerstraße (Gaarden) ist. Das Problem war in den 90ern das gleiche, wie damals in den 20er-Jahren: Zu den rund 20.000 in Deutschland lebenden Juden kamen rund 200.000 Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, die laut Pass zwar jüdisch waren, in ihrer Heimat aber nie ihre Religion ausüben durften. „Wir waren froh über ihr Kommen, aber auch völlig überfordert“, sagt Pannbacker. „Sie mussten Religion hier von Grund auf neu lernen.“ Sprachen vorher alle deutsch und hebräisch, so ist heute zusätzlich russisch, englisch, französisch, niederländisch oder afrikaans beim Schabbat zu hören.

Müssen Juden heute noch Angst in Kiel haben? Beide jüdischen Gemeinden bekommen etwa einmal pro Monat Drohbriefe, -mails und -anrufe, haben gelegentlich auch mit Hakenkreuzschmierereien zu kämpfen. Immer, wenn das passiert, überkommt Pannbacker ein Gefühl des Unwohlseins. Wie Henry Glanz auch, konnte sich Pannbacker erst frei als Jude in England während seines Studiums zu erkennen geben. Wenn Pannbacker mal wieder mit einem braunen Brief zur Polizei muss, dann ging er bis vor dem Umzug der Kripo in die Gartenstraße. Dort, wo seinesgleichen zur Zeit des NS-Regimes ermordet wurden, wird ihm geholfen. Wenigstens etwas im Land der Dichter und Denker – 69 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz.

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erstellt am 27.Jan.2014 | 05:54 Uhr

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