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Pilotprojekt : Ein junges Rezept gegen Vorurteile

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Einsatz von Kieler Auszubildenden für Flüchtlinge: Beim gemeinsamen Kochen und Kicken blicken sie über den Tellerrand hinaus.

Die langen Tische sind schon gedeckt, aber im Topf und in der Pfanne zischt und dampft es noch: Die Auberginen brutzeln, die Soße gart. Fertig ist bereits der bunte Salat mit Paprika und Schafskäse. Gleich daneben steht in einem Bottich ein gelber Teig parat, für die Waffeln. Roland Ornani (18) aus Albanien hat ihn angerührt – nach der Anleitung Kieler Auszubildender.

Es ist nicht irgendeine Mahlzeit, die im Awo-Stadtteilzentrum Altes Volksbad auf dem Kieler Ostufer auf eine Gruppe junger, hungriger Bäuche wartet. Es ist ein interkulturelles Menü, das Rezepte von zwölf Auszubildenden aus Kiel und 25 Flüchtlingen aus Syrien, dem Jemen, Afghanistan und anderen Ländern vereint. Das gemeinsame Kochen, Essen und auch Tanzen dient ihrem Austausch. Es soll ihnen Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzeigen, aber vor allem Brücken bauen und Vorurteile abbauen.

Der Kochtag ist Teil einer Projekt-Woche, in der die angehenden Versicherungskaufleute der Provinzial Nord lernen sollen, eine andere Perspektive zu entdecken und sich sozial zu engagieren. „Sie sollen sehen, wie gut es ihnen geht und Demut spüren“, so Personalchef Arne Fischer. Die Nachwuchs-Fachkräfte wollten sich für Flüchtlinge einsetzen.

Am Tag zuvor, erzählt Azubi Nele König (21, kl. Foto), haben sie mit den Asylbewerber n Luftballons steigen lassen. An denen waren Kärtchen befestigt, auf denen die Flüchtlinge Träume und Ziele notiert hatten. „Viele haben Berufswünsche aufgeschrieben. Sie wollen Ingenieure werden, Ärzte, Piloten. Sie sind ehrgeizig, wollen Deutsch lernen, Erfolg im Leben haben. Einige lernen jeden Tag Deutsch“ , erzählt Nele König. Sie stellt im Gespräch mit der Staatssekretärin im Sozialministerium, Anette Langner (SPD), gleich fest, was sie verblüfft hat: „Die haben mir was von Konjunktiv I und II erzählt...“ – ein Kommentar, der die Runde erheitert. Auch die offene Art der Flüchtlinge habe sie positiv überrascht: „Wir wussten gar nicht wie wir auf sie zugehen sollten, hatten es uns schwerer vorgestellt“, berichtet Nele König.

Langner lobt das Projekt als „großartiges Beispiel, was wir tun können, um junge Leute willkommen zu heißen“. Es passe gut in diese Zeit – und sei um so wichtiger angesichts der fremdenfeindlichen Ausschreitungen von Heidenau: „Diese Menschen sind nicht Deutschland, sondern Leute wie Sie, die solche Begegnungen organisieren“, sagt Langner an die Nachwuchskräfte gerichtet.

Und die Perspektive der Flüchtlinge? „In Syrien ist Krieg. Wir wollen lernen und zur Schule gehen. Und das geht hier besser. Unsere Schule in Syrien wurde geschlossen“, erzählt Tasneen (15). Zusammen mit anderen Familienmitgliedern ist sie in Kiel und bei dem Austausch dabei. Die lockere Runde im Awo-Zentrum hat ihr sichtlich gefallen. Sie alle tauschten mit den deutschen Azubis Rezepte aus, sagt Tasneen. Einer von vielen Wegen, sich mit der Kultur der anderen vertraut zu machen. Heute steigt nun ein Fußballturnier mit zehn gemischten Mannschaften. Schon jetzt haben die jungen Leute wieder etwas Gemeinsames entdeckt: Die Lust am Kicken.

Später werden die Kieler Auszubildenden gemeinsam ihre Erfahrungen diskutieren. Arne Fischer von der Provinzial kündigte zudem an, die Möglichkeit für Praktika für junge Asylbewerber „ernsthaft zu prüfen“.

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erstellt am 28.Aug.2015 | 06:06 Uhr

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