Gewalt gegen Polizisten : Ein Einsatz, drei OPs, viele Narben

Jan Totte (2.v.l.) erhält vom Landespolizeidirektor a.D., Wolfgang Pistol (2.v.r.), den Gutschein für eine Erholungswoche im Allgäu. Karl-Hermann Rehr (l., aus dem Vorstand des Hilfsfonds für Polizeibeschäftigte) und Joachim Voß (3. Polizeirevier) wünschten alles Gute.
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Jan Totte (2.v.l.) erhält vom Landespolizeidirektor a.D., Wolfgang Pistol (2.v.r.), den Gutschein für eine Erholungswoche im Allgäu. Karl-Hermann Rehr (l., aus dem Vorstand des Hilfsfonds für Polizeibeschäftigte) und Joachim Voß (3. Polizeirevier) wünschten alles Gute.

Ein Kieler Polizeioberkommissar wurde bei einem Gerangel mit einem Betrunkenem so schwer verletzt, dass er fast ein Jahr dienstunfähig war.

shz.de von
10. Oktober 2015, 06:02 Uhr

Besonders die zwei langen Narben am linken Handgelenk fallen auf: Sie erinnern Polizeioberkommissar Jan Totte täglich an etwas, das er gern vergessen würde: Bei einem Einsatz an einer Tankstelle wurde er im Gerangel mit einem Betrunkenen so schwer verletzt, dass er fast ein Jahr lang außer Gefecht gesetzt war. Der Vorfall geschah im Oktober 2014. Am 1. Oktober dieses Jahres konnte er seinen Dienst auf dem 3. Polizeirevier in Kiel wieder antreten. Totte ist einer von 363 Beamten, die im vergangenen Jahr in Schleswig-Holstein in fast 1200 Fällen von Widerstandshandlungen und Gewaltdelikten selbst zu Opfern wurden. Und das immer häufiger im Alltag.

„Es wäre ein Einsatz von drei bis fünf Minuten gewesen“, erzählt Totte, seit 1995 Polizist. Ein Kunde in einer Tankstelle am Schwedendamm, Mitternacht. Er will ein Bier kaufen. Die Kassiererin lehnt dies ab – der Mann ist alkoholisiert, 1,53 Promille, wie sich später zeigt. Er öffnet dennoch eine Flasche, legt das Geld auf den Tisch, trinkt. Die Verkäuferin verweist ihn des Ladens. Der Mann weigert sich. Sie ruft die Polizei. Totte und ein Kollege kommen, wollen die Personalien aufnehmen. „Das missfiel ihm allerdings. Da kippte die Stimmung“, erinnert sich Totte. „Er warf Kaugummis um.“ Die Beamten haken ihn unter, gehen zum Ausgang. Plötzlich verpasst der Mann Totte einen Schwinger, trifft ihn an der linken Augenbraue. Ein „kurzer Schmerz“, aber Totte will den Mann zum Streifenwagen bringen. Dort kommt es zur Rangelei. Mittendrin: Beide Polizisten und der Mann, ein 30-jähriger gebürtiger Tscheche. „Wir versuchten ihn zu Boden zu bringen. Plötzlich spürte ich in der linken Hand Schmerzen.“ Ausgerechnet. Totte ist Linkshänder. Irgendwie können sie dem Betrunkenen Handschellen anlegen.

Für Polizeioberkommissar Jan Totte ist der Fall damit nicht erledigt. Er fängt erst richtig an. Totte ist krankgeschrieben, die linke Hand kaputt. Arztbesuche, Röntgen, MRT. Erst heißt es: Bänderdehnung. Dann: Bänderriss. Erst vier Monate nach dem Vorfall, im Februar dieses Jahres, erfolgt eine Endoskopie in einer Hamburger Spezialklinik. „Das Band war nicht nur gerissen, es war zerfetzt“, sagt Totte. Drei aufwendige Operationen sind nötig, nun ist die Hand zu 95 Prozent wieder in Ordnung. „Ich bin zufrieden, schmerzfrei“, sagt Jan Totte heute. An der Tankstelle ist er auch schon vorbeigefahren – mit gutem Gefühl.

Der 46-Jährige hat Glück gehabt. Auch eine Versteifung der Hand war im Gespräch gewesen. Die Dienstfähigkeit stand eine Zeitlang auf dem Spiel.

Für besonders betroffene Polizisten wie Jan Totte gibt es einen Hilfsfonds, der sie in der schwierigen Zeit unterstützt. Landespolizeidirektor a.D. Wolfgang Pistol überreichte ihm gestern im Namen der Einrichtung einen Gutschein für eine Erholungswoche im Allgäu. Finanziert wird dies durch Spenden von Bürgern. Seit 2001 kamen auf diese Weise mehr als 88 Polizisten in den Genuss von Zuwendungen in Höhe von rund 154  000 Euro.

Der Täter von der Tankstelle hat seine Strafe noch nicht erhalten. Die Polizei musste ihn damals wieder laufen lassen. Da sein Aufenthaltsort in Deutschland nicht bekannt ist, wurde er zur Fahndung ausgeschrieben.

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